Die Dinge des Lebens

17.11.2009

Als ich noch bei meinen Eltern gewohnt habe, fragte mich mein Vater oft dann, wenn ich das Haus verlassen wollte, ob ich denn auch alles dabei hätte, was man so braucht. Obwohl ich genau wusste, was er meinte, stellte ich mich dumm und fragte nach. Er belehrte mich daraufhin -  jedes Mal aufs neue entrüstet – dass es für einen jungen Mann in meinem Alter drei elementare Dinge gebe, die dieser immer und auf jeden Fall mitzuführen hätte: ein Taschentuch, ein Taschenmesser und einen Kamm.

Ich hatte meistens weder noch dabei; Taschentücher brauchte ich nur bei Schnupfen und dann aus Papier, ein Taschenmesser lediglich im Wald zum Pilze sammeln und einen Kamm benötigte in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts ein Jugendlicher definitiv nicht – nie!!

Der Inhalt meiner Taschen bestand aus Zigaretten, Feuerzeug und Kaugummi. Die zeigte ich brav meinem Vater, der daraufhin verständnislos den Kopf schüttelte und mich aus der Tür schubste.

Heutzutage schleppe ich Gerätschaften mit mir herum, die es in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts noch gar nicht gegeben hat; sie waren noch nicht mal ansatzweise erfunden: einen Organizer, einen MP3-Player und ein Mobiltelefon.

Datenbank, Musik, Kommunikation

Neulich habe ich gelesen, der Computer der Mondlandefähre von 1969  hatte weniger Hauptspeicher als heutzutage ein Handy. Ich wäre also mit dem Inhalt meiner Hosentaschen in der Lage, zumindest was Speicherkapazität und Rechnerleistung betrifft, auf dem Mars oder einem noch weiter entfernten Planeten zu landen.
Würde ich das meinem alten Vater erzählen, würde er wahrscheinlich noch heftiger mit dem Kopf schütteln und  Zigaretten und Kaugummi plötzlich gar nicht mehr so übel finden.


Literaturtage Lauf 2009 – Jan Weiler

15.11.2009

Leider, leider hat die Zeit in diesem Jahr nur für eine einzige Lesung bei den Laufer Literaturtagen gereicht, aber die war wahrlich köstlich. Jan Weiler las am Freitag aus seinem neuen Roman Drachensaat und nach einer kurzen Rotweinpause Kolumnen aus seiner Reihe Mein Leben als Mensch.

Launig eröffnete er die Veranstaltung mit dem Hinweis, dass der erste Teil etwa eine dreiviertel Stunde und der zweite Teil ungefähr sieben Stunden dauern würde. Pinkel-, Rotwein- und sonstige Pausen seien in diesem zweiten Teil allerdings nicht vorgesehen.

Derart gebrieft machte er uns, das Publikum, mit Plot und Handlungsstrang seines Romans bekannt: Es gehe um Menschen, die einer neuen, weitgehend unbekannten Gesellschaftsschicht angehören und die aus dem bisher vorherrschenden Schema Ober-, Mittel und Unterschicht herausgefallen seien; Menschen, die zunehmend Orientierung und Bindung, aber auch Akzeptanz und Verständnis zur bestehenden Gesellschaftsordnung und deren Mechanismen verloren hätten.
So treffen in der Privatklinik des Psychologen Dr. Zens fünf Menschen aufeinander, die alle auf ordentlich schräge Lebensläufe verweisen können und deren Leben und Besonderheiten durch Massenmedien – sei es im Fernsehen oder im Internet – ausgebeutet wurden. Dr. Heiner Zens meint im Verhalten seiner Patienten ein neues Syndrom gefunden zu haben, benennt dieses ganz unbescheiden das Zens-Syndrom und hat auch gleich eine ebenso bizarr, wie hanebüchen anmutende Therapie dafür bzw. dagegen.

Da ist zunächst der Ich-Erzähler Bernhard Schade, der nach zahlreichen privaten und beruflichen Pleiten beschlossen hat, sich umzubringen und aus dem Zufall heraus, dass diese seine Entscheidung genau mit dem Zeitpunkt zusammentrifft, an dem die langjährig ersehnten Wagner-Opernkarten bei ihm eintreffen, seinen Freitod während eben jener Opernaufführung in aller Öffentlichkeit zelebrieren möchte, sein Vorhaben aber scheitert und er statt im Leichenschauhaus, im Krankenhaus und später bei Dr. Zens in dessen Privatklinik landet.
Ja oder Rita Bauernfeind, die ursprünglich stark übergewichtige Büroangestellte, die sich deshalb, weil sie Funk- und Radiofrequenzen wahrnimmt und feststellt, diese vermeintlich verspeisen zu können, sich seit geraumer Zeit nur von Wasser und Luft ernährt und deshalb mehr als 200 kg abgenommen hat. Schließlich Ünal Yilmaz, ein streitbarer, homosexueller Busfahrer, der von seinen moralischen Vorstellungen derart durchdrungen ist, dass er hunderte und aberhunderte Gerichtsprozesse angestrengt, die meisten allerdings verloren hat und eines Tages mit seinem Linienbus eine von Polizei und Massenmedien verfolgte Irrfahrt durch halb Deutschland unternimmt.
Der Postpote Arnold Merz hat ausgerechnet vor Briefschlitzen und anderen Unwägbarkeiten des Lebens Angst und stellt deshalb mehrere hunderttausend Briefe nicht zu, hortet sie stattdessen sauber geordnet in seiner Wohnung, bis das Gewicht all dieser Briefe dazu führt dass der Fußboden seiner Wohnung nachgibt und durchbricht.
Der fünfte und letzte im Bunde ist Benno Tiggelkamp, ein Altbekannter aus Weilers früherem Roman Maria, ihm schmeckt’s nicht, dessen Eigentümlichkeiten uns der Autor allerdings an diesem Abend mit einem verschmitzten Lächeln verschwieg.

Weiler versteht es, nicht nur fehlerfrei und mit angenehmer Stimme seine Texte vorzutragen, er ist auch in der Lage, unterschiedliche Charaktere mit jeweils unterschiedlichen Stimmen zu belegen, so dass der Eindruck entsteht, man würde nicht einer Lesung, sondern einem Theaterstück beiwohnen. Vor allem die sich leicht überschlagende Stimme von Dr. Zens war wunderbar getroffen und seinem süffisant-zynischen Charakter treffend angepasst. Ansonsten war die Vorstellung seines neuen Romans so gehalten, dass das Publikum nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig erfuhr und der Autor uns mit genug Neugier auf die gesamte Lektüre des Buches in die Pause entließ.

Die Texte, die Jan Weiler im zweiten Teil aus seiner wöchentlich erscheinenden Kolumnenreihe las, erinnerten mich ein wenig an Axel Hackes Das Beste aus meinem Leben. Ehefrau Sara, Sohn Nick und Schwiegervater Antonio Marcipane sind die Hauptpersonen in diesen kurzen Geschichten, in denen es um Entscheidungskriterien beim Flachbildschirmkauf, Knecht Ruprechtsche Erziehungsmethoden im Kindergarten, die kosmetische Aufbereitung venezianischer Schwiegervätergesichter, Urzeitkrebse mit eigenwilligen Vornamen, Partys mit manipulierter Gruppendynamik, flammenwerferunterstützte Martinsumzüge und kindliches Humorverständnis bzw. Unverständnis ging. Alles herrlich skurril, wunderbar formuliert und in erster Linie natürlich treffend beobachtet.

Vor dem letzten Text wies Weiler darauf hin, dass es nach der Lesung nicht, wie sonst üblich eine Fragerunde gebe. Er begründete dies unter anderem damit, dass er viel zu viel Mitleid mit den von ihren belesenen und literaturbeflissenen Frauen mitgeschleppten Ehemännern hätte und er an deren Gesichtern schon von weitem ablesen könne, dass sie nach anstrengender Lesung sowieso nur zwei Fragen hätten, nämlich
1. Was denn jetzt bitteschön noch für Fragen?
2. Wie lange dauert das jetzt noch?

Stattdessen bot Weiler an, Bücher zu signieren und Autogramme zu geben. Gerne auch fremde Bücher und fremde Autogramme. Franz Schätzing zum Beispiel – kein Problem.
Viele Besucher der bis auf den letzten Platz besetzten Lesung kamen dieser Aufforderung gerne nach. Für den Rest blieb als schwacher Trost nur Marcel Reich Ranickis berühmte Abschiedsformel:
Die Zeit ist um, wir sehen betroffen – den Vorhang zu und alle Fragen offen.

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Weiterführende LINKS:

  • Podcast der Lesung(en) 2009: Hier
  • Literaturtage 2008 bei AxeAge: Hier.
  • Literaturtage 2007 bei AxeAge: Hier und hier.

Fassungslosigkeit im Eingangsbereich des Getränkemarkts

08.11.2009

Am Wochenende im Getränkemarkt: Zwei Jugendliche kommen mit Spendenbüchsen auf mich zu und einer fragt mich, ob ich bereit wäre, meine Pfandquittung für diverses Leergut dem RTL Spendenmarathon zu spenden.
Wem, frage ich?
Dem RTL Spendenmarathon wiederholt der Jugendliche, der bisher das Wort geführt hat und ergänzt: Für arme Kinder.
, wiegle ich ab, RTL bekommt von mir bestimmt kein Geld und rücke dem Pfandautomaten ein Stück näher.
Aber es ist doch für arme Kinder, bohrt der Jugendliche mit der Büchse nach.
Ich sammle mich kurz und sage dann laut und gefasst:
Armen Kindern in Deutschland wäre am meisten damit geholfen, wenn RTL seinen Sendebetrieb einstellen würde.

Der Bursche mit der Büchse, sein Kumpel und alle um mich zahlreich herumstehenden Pfandguteinlöser starren mich fassungslos an. Selbst der Automat setzt vorrübergehend aus. Ich komme mir vor, wie in einem der Slow-Motion-Parts neumodischer Actionfilme, die vorzugsweise auf RTL zur Ausstrahlung kommen.

Erst als der Pfandautomat wieder rattert, entspannt sich die Lage und die Jungs mit der Sammelbüchse verlagern ihr Jagdgebiet vorrübergehend auf den Parkplatz. Als ich nach dem Einkauf den Getränkemarkt verlasse, umlagern sie aber bereits wieder den Automaten im Eingangsbereich und schenken mir zum Abschied ein verächtliches Kopfschütteln.


Die Zeit verrinnt

04.11.2009

Wenn H. und H. zu sich nach Hause zu einer Fete einladen, taucht man ein in eine köstliche Mischung aus Esoterik und Motoröl, Homöopathie und Hemdsärmligkeit, Basentee und Fassbier, Gartenteich und Werkbank, Staplerservice und Heilpraxis, Philosophie und Siedlergemeinschaft.

Nicht falsch verstehen -  diese Aufzählung ist in keiner Weise negativ oder abwertend gemeint, im Gegenteil: das erwähnte Konglomerat ist nämlich nicht Ergebnis überkandidelter Einstellungen, sondern Ausdruck witzig, intelligenter Lebensentwürfe, die sich aus den teilweise ordentlich krummen Lebensläufen der beiden entwickelt und letztendlich auch beide, also H. und H. zusammengeführt haben.

Sinnspruch im Guinness-Pub

Im eigens zum Guinness-Pub umfunktionierten Holzschuppen mit Original Guinness Zapfanlage und Original Guinness Biergläsern hängt einer der schönsten Trinksprüche, die ich kenne: Die Zeit verrinnt, wie schnell ist nichts getrunken, und fürwahr, nach diesem Motto laufen die Geburtstags-, Garten- und Silvesterfeiern ab, die H. und H. das ein ums andere Mal im Jahr veranstalten.

Schöner Brauch ist es, nachdem die Liebste und ich nicht gerade um die Ecke wohnen, bei den beiden zu übernachten und am nächsten Tag den Verlauf der Fete Revue passieren zu lassen, sich über den einen oder die andere das Maul zu zerreißen, sich bei einem Spaziergang in herbstlicher Umgebung die Übernächtigung und das Bier aus dem Kopf blasen zu lassen und gemeinsam in der Vergangenheit zu schwelgen, die Gegenwart zu bewerten und die Zukunft links liegen zu lassen.

Konsens tut gut. Dissens gehört dazu. Wichtig und schön ist, dass man sich gegenseitig zuhört und ausreden lässt. Die Fete am Vorabend dient der Bespaßung; das Frühstück, der Spaziergang und der Nachmittagstee am nächsten Tag, der Erbauung.

Guinnessplakat vor Holzstoß neben verrinnender Zeit


Virtuelle Begleiter in der Dämmerung

30.10.2009

Nachdem ich im Haus sämtliche Glühbirnen durch Energiesparlampen ersetzt habe, treten immer dann, wenn ich das Licht einschalte, Jean-Luc Picard und Johann Wolfgang von Goethe vor mein geistiges Auge.

Das hat damit zu tun, dass es nach dem Einschalten einer Energiesparlampe im Raum gefühlt dunkler wird, anstatt heller. E-nergie! fordert der Captain der Enterprise mit eindrucksvollem Imperativ und der Dichterfürst ermahnt mit seinen angeblich letzten Worten: Mehr Licht!

Leuchtmittelentsorgung

Leuchtmittelgrab


Yadda-Yadda

29.10.2009

Hosenanzug im Amt bestätigt

Auch wenn neun Stimmen aus den eigenen Reihen gefehlt haben, seit gestern schreitet er wieder voran, der Sprechblasen absondernde Hosenanzug.

Zusammen mit Guido I’m not an native English Speaker Westerwave werden das bestimmt vier ganz wunderbare Jahre des Fremdschämens.

Neulich hat Volker Pispers in einer Satiresendung sinngemäß gesagt:
Ach was waren das für Zeiten, als man versucht hat, politische Polterer wie Franz Josef Strauß mit der Parole „Stoppt Strauß“ aufzuhalten.
Kann sich heutzutage irgend jemand eine Kampagne vorstellen mit dem Titel „Stoppt Merkel“? Jeder würde sich die Frage stellen: Stoppen, wobei?

Übrigens:
Bla Bla Bla
heißt auf Englisch Yadda-Yadda.


Du und Dein Magnum

25.10.2009

Neulich in der Supermarktkühltruhe: Polnische Entenbrust zwischen Magnum Speiseeis.
Also artgerechte Haltung ist was anderes.

Du und Dein Magnum

Du und Dein Magnum


Ach übrigens, …

22.10.2009

… das ist kein Schattenhaushalt, sondern ein Nebenhaushalt.
„Aufschlussreiches“ Interview dazu heute morgen im Deutschlandfunk.


Erst mal sehen, was Quelle hatte – ein Nachruf

22.10.2009

Obwohl ich schon lange keinen mehr in Händen hielt, werde ich ihn doch vermissen. Den Quelle-Katalog.
In meiner Jugend war er für mich mehr, als nur das Fenster in die schöne, große Konsumwelt, die sich nicht wie heute schnöde durch lieblos gezimmerte Internetseiten oder nervtötendes Teleshopping präsentierte. Allein der Produktname der Hausmarke ließ erahnen, womit man es zu tun hatte. Nicht mit einer Weltmarke, nein die Kühlschränke, Waschmaschinen, Elektroherde und HiFi-Anlagen schienen der Quelle des Universums darselbst entsprungen zu sein, um sich in Millionen und Abermillionen Küchen, Wohnzimmern und Waschkellern zu materialisieren.

Mir war vollkommen klar, warum Karl-Theodor Von und Zu 50 Mille in die Hand genommen hat, um ein letztes Mal die Druckmaschinen anwerfen zu lassen, wusste er doch genau, dass es bei diesem Meisterwerk marktwirtschaftlicher Weltliteratur nicht einfach nur ums Kaufen ging. Die Lektüre eines Quelle-Katalogs war durchaus mit der Lektüre eines Magazins, eines Bilderromans, eines fundiert recherchierten Sachbuchs vergleichbar und hielt einen, auch wenn man nichts bestellte, noch Wochen und Monate nach der heiß ersehnten Sonderzustellung in Atem.

Allein der aufklärerische Aspekt in der Rubrik Mieder- und Damenunterwäsche kann für meine und nachfolgende Generationen gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Hübsche Frauen mit echten Brüsten und nicht von jedem Körperhaar befreiten Bikinizonen lieferten herrliches Anschauungsmaterial, über das auch einmal ganz unverfänglich hinweggeblättert werden konnte, wenn die Mutter das Jugendzimmer betrat und mit gestrengem Blick musterte, welchen Studien sich der Herr Sohn da schon wieder hingab. Ja, auch wenn es nicht das Englischbuch oder die Formelsammlung war, der Quelle-Katalog war immer akzeptiert.
Selbst Ausflüge ins Reich der Mystik, die im Lebensalter aufkeimender Sexualität mindestens ebenso wertvoll sind, wie Closeups einschlägiger Körperregionen, waren da mit Wort und Bild geboten. Ein ewiges Mysterium wird in dem Zusammenhang wohl bleiben, warum ein Massagegerät, das seine Arbeit in Gesicht und an den Oberarmen verrichten sollte, die Form eines Stabes haben muss.

Dann die atemberaubende Phono- und HiFi-Technik, die sich anfänglich in rechteckigen Kompaktanlagen mit passendem, dunkelbraunem Möbel präsentierte, um sich schließlich mehr und mehr zur Komponentenbauweise zu entwickeln. Oh ja, man kam sich vor, wie der versierteste Tontechniker der Welt, wenn man Plattenspieler, Kassettendeck und Receiver erfolgreich miteinander verkabelt hatte und die ersten Takte von Bohemian Rhapsody aus den High-Fidelity-Lautsprechern ertönten.
Ja oder der Duft von Freiheit und Abenteuer, den man atmen durfte, wenn man sich im Geiste in die Auspuffwolke eines zweitaktgetriebenen Mopeds von Mars stellte und dabei die technischen Leistungsdaten mit denen des eigenen Klapprads verglich.

Ach ja, begehrt haben wir alle. Bestellt manchmal. Gelesen, geschaut und gestaunt aber haben wir immer.
Und bevor ich den Quelle-Katalog in Frieden ruhen lasse, darf ich meinen Kolumnisten-Kollegen Franz Josef Wagner von der Bildzeitung zitieren, der ebenso traurig ist wie ich und der sich standesgemäß von der Bibel des deutschen Wirtschaftswunders mit folgenden Worten verabschiedet:

Der Tod von Quelle ist wie ein wirklicher Tod. Es ist der Tod eines Verwandten, Onkel, Tante, Bruder. Man weint, als wäre der Quelle-Katalog ein Mensch. Ein Mensch, der gestorben ist.

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Dieser Artikel erschien am 27. Oktober 2009 auch bei kolumnen.de


Mauer weg, Zaun hoch: Willkommen in Franchisien

18.10.2009

Wenn man durch deutsche Vor- oder Kleinstädte fährt, fallen einem zunehmend bunte Luftballons auf, die dazu einladen, sich in einem soeben eröffneten oder schon seit längerer Zeit bestehenden Matratzenmarkt eine oder am besten gleich mehrere Matratzen zu kaufen, denn hier und nur hier gibt es die bequemsten Federkerne, die prächtigsten Lattenroste, die natürlichsten Naturlatexe und die höchsten Preisnachlässe darauf.

Ein seit längerer Zeit bestehender Matratzenmarkt ist in dem Zusammenhang einer ganz eigenen Matratzenmarktzeitrechnung geschuldet, denn länger als ein Jahr existieren derartige Märkte kaum. Dann künden Luftballons anderer Farbe und Größe vom Aus- und Räumungsverkauf und der Laden verschwindet so schnell wieder, wie er einst – also vor ein paar Monaten – eröffnet worden war.
Gleiches gilt für Selbstbedienungsbäckereien, Wasserbettengroßmärkte, Kosmetik- und Nagelstudios, Druckerpatronenaufladezentralen, Brötchenlieferservice, Kleintransporterkurier- und Verkehrsgefährdungsdienste, sowie Abfüllstationen für Schnaps, Wein, Öl und Essig aus echten Eichenfässern, die mindestens dreizehn Mal über den Äquator …

Hinter solchen Geschäftsmodellen steckt nicht selten ein Franchise-System, bei dem jemand, der sich Franchisegeber nennt, eine Geschäftsidee und entsprechendes Equipment an jemanden verkauft, der sich Franchisenehmer nennt und oft genug keine Ahnung vom Geschäftsleben im Allgemeinen und von der jeweiligen Branche im Besonderen hat.

Vor Jahren habe ich mich auch einmal für Franchise-Systeme interessiert und mich an eine Agentur gewandt, die Franchisegeber und potenzielle Franchisenehmer zusammenbringt. Seither erreichen mich in unregelmäßigen Abständen Newsletter mit zum Teil großartigen Geschäftsmodellen.

Pünktlich zum 20jährigen Jubiläum des Mauerfalls dann endlich die Geschäftsidee des Jahres:

Zäune - schnell fallen einem Wiesen und Bauernhöfe ein. Aber auch aus Städten sind sie nicht wegzudenken. Zäune und Tore werden durch steigende Sicherheitsbedürfnisse immer wichtiger. Dies betrifft zum Beispiel Flughäfen, Firmen für sensible Technologien oder politische Großereignisse. Allein der Zaun beim G-8-Gipfel in Heiligendamm hatte eine Länge von zwölf Kilometern.

Flux begann ich zu rechnen: Hätte man mir als Zaunaufsteller die Aufstellung nur weniger hundert Meter dieser Kilometer langen Umzäunung gegönnt, ich hätte wahrscheinlich allein mit diesem Auftrag im ersten Jahr bereits ausgesorgt gehabt.

Der Markt für Zäune und Zaunsysteme ist ein lukratives Tätigkeitsfeld. Seit über zehn Jahren steigt die Nachfrage. Erstens wächst der Bedarf bei Privatleuten und Firmen. Zweitens braucht die ökologische Tierhaltung heute mehr Zaunmaterial als früher.

Oh ja, sämtliche Zwerghasen und Katzen der Nachbarn bedürfen schon längst einer Einzäunung, von versprengten Schafen einmal ganz abgesehen.

Michael C., ein Zaunbauer der jünsten Stunde kam in dem Newsletter ebenfalls zu Wort und beruhigte unter anderem mit dem Satz:

„In intensiven Recherchen zeigte sich, dass die Konkurrenz im Zaunmarkt nicht so groß ist wie in vielen anderen Zweigen!“

Als dann noch davon berichtet wurde, dass dieses System hoch hinaus will und im August in der Schweiz 15 mutige Zaunbauer den höchsten Zaun der Welt gebaut haben, war ich vollends überzeugt.
Vorgeschoben haben besagte Zaunbauer übrigens den Eintrag ins Guiness-Buch der Rekorde. In Wahrheit jedoch setzten sie damit eine EU-Richtlinie um, nach der ehemalige Steuerparadiese so abzusichern sind, dass niemand mehr ohne größere Anstrengung hinein, geschweige denn heraus kommt.

Morgen jedenfalls kaufe ich mich in das System ein. Die Einzäunung Liechtensteins wird mein erstes Projekt.