Manchmal frage ich mich, warum ich ein Weblog betreibe und so richtig weiß ich es eigentlich bis heute nicht. Naja, doch schon irgendwie. Ich schreibe halt gerne und all das, was ich früher auf Zettel und in Notizbücher geschrieben habe, schreibe ich jetzt ins Blog, schon allein deshalb, weil der Gedanke, dass diese Auslassungen im nächsten Augenblick die ganze Welt lesen kann, einen ganz außergewöhnlichen Reiz hat.
So wie ich denken sicher viele und so wie ich haben sicher auch viele zu bloggen begonnen und ganz im Gegensatz zu dem, wie ich blogge, nämlich mit Bekanntgabe meines Namens und – in vertretbarer Weise, will heißen, ohne irgend jemand zu kompromittieren – auch mit Bekanntgabe meines persönlichen Umfelds, haben diejenigen, die das lieber anonym tun, sicher auch ihre Gründe dafür, so zu verfahren.
Allerdings muss ich gestehen, kein großer Freund davon zu sein, dass jemand, der etwas zu sagen hat und das dann auch noch im öffentlichen Raum tut, verschweigt, wer er eigentlich ist. Wenn ich es mir recht überlege, finde ich es sogar ziemlich scheiße schade.
Ja gut, man kann als anonymer Blogger über Dinge schreiben, die man sonst nicht preisgeben oder veröffentlichen könnte, man kann sich über Herrn F. lustig machen oder Frau J. durch den Kakao ziehen, auch oder gerade wenn es sich dabei um Arbeitskollegen, Freunde oder missliebige Bekannte handelt, aber irgendwie geht doch damit schon ein Stück Authentizität verloren, mal abgesehen davon, dass es eigentlich ein wenig feige und hinterfotzig ist.
Aber das nur am Rande, darüber wollte ich eigentlich gar nicht schreiben.
Die gute, alte FAZ hat sich über “deutsche Blogger” ausgelassen und dazu ein paar Schreiberlinge zu Wort kommen lassen, die ich teilweise nur vom Hörensagen kenne und von deren Blogs sich kein einziges auf meiner Blogroll befindet. Spreeblick war mal drauf, aber seit der Malte dort nicht mehr veröffentlicht, lohnt es kaum mehr, dort zu lesen. Den Schwenzel kenne ich zwar, aber den weigere ich mich zu lesen, weil er alles klein schreibt – ich finde, das ist eine Zumutung und außerdem interessieren mich die dort behandelten Thematiken nur äußerst begrenzt. Zack, so schnell geht das und Zack, so schnell kommt die FAZ daher und meint offensichtlich, mit ihrer Auswahl einen repräsentativen Querschnitt der deutschen Bloggerszene vorgestellt zu haben.

Das Phantombild des deutschen Bloggers - Draufklicken zum Selberbasteln
Das ist natürlich großer Quatsch und entspricht in etwa dem Ansinnen, die deutsche Presselandschaft skizzieren zu wollen, indem man die Neue Post mit der Süddeutschen vergleicht. Sei’s drum, ich habe den Artikel mehr als Nachhilfetext für all diejenigen FAZ-Leser gelesen, denen der Begriff Bloggen nahegebracht werden soll, weil diese wohl irgendwann schon einmal etwas davon gehört, in ihrem Leben aber noch niemals ein Weblog gesehen, geschweige denn darin gelesen haben. Dafür taugt dieses Dossier, wie es sich hochtrabend selbst nennt, allemal, sonst aber ist er tatsächlich zum Vergessen.
Blogger sind nach meinem Verständnis Menschen, die etwas mitzuteilen haben und dies aus ihrer ganz subjektiven Sicht heraus, leserlich und sprachlich halbwegs anspruchsvoll tun, indem sie entweder das Geschriebene in einen bestimmten Kontext stellen, so wie Don Alphonso das gerne und gekonnt tut oder indem sie ein Themenblog betreiben, so wie Klaus Jarchow mit seinem Stil- und Sprachblog, oder weil sie einfach begnadete Erzähler sind und spannende oder einzigartige Erfahrungen in ihrem Leben gemacht haben, wie meinetwegen Andreas Glumm.
Sich auf derartiges einzulassen, bedeutet wesentlich mehr, als nur einen Text zu lesen, weil es eben nicht nur der Informationsgewinnung dient, so wie es die Propheten des Informationszeitalters gerne hätten, sondern weil damit quasi ein Stück Leben stattfindet, gerne auch in Echtzeit, um diesen überstrapazierten Begriff einmal zu bemühen, aber doch jenseits der auf 140 Zeichen verkürzten, profanen Mitteilungsprosa, die ich selbst noch nicht ausprobiert habe und höchstwahrscheinlich auch niemals ausprobieren werde. Sich auf so etwas einzulassen heißt dann selbstverständlich auch, den Menschen, der dahinter steht kennenlernen zu wollen, womit ich wieder bei meiner Einleitung wäre. Ist der Mensch anonym, könnte er theoretisch auch eine Romanfigur sein, dann interessiert es mich schon nicht mehr so sehr.
Ein Weblog muss allerdings – zumindest für mich – immer auch ein Stück Literatur sein, aber eben nicht eins, das zwischen zwei Buchdeckel gehört oder das es am Kiosk für zwei Euro zu kaufen gibt, sondern unter Weglassung sämtlicher Groß- und Zwischenhändler direkt vom Blogger zum Leser. Kostenlos, Zack Zack.
Da berichtet dann Herr Glumm von seiner Drogensucht während seiner früheren und späteren Jugend und Herr Meyer, alias Don Alphonso, der uns einen Blick in seine Jugend vom gleichen Zeitabschnitt aus Sicht der Upper-Class gewährt, kommentiert trocken unter einem Beitrag seines FAZ-Blogs Stützen der Gesellschaft: Drogensucht hatten wir einfach nicht, das war in Bayern nicht möglich.
So etwas will ich lesen. Ein Leben ohne Rauschgiftsucht und ohne High Society habe ich selbst. Aber ich will wissen, wie es ist. Andere wollen das nicht, aber sie wollen wissen, wie man einen Garten bestellt oder Kinder erzieht, einen Kuchen bäckt oder richtig glaubt. Die lesen dann Mutti- oder Katholenblogs. So einfach ist das und so sollten Blogs auch draußen ankommen.
Verkauft allerdings werden sie als verlängerte Werkbank der inzwischen auf breiter Front schwächelnden sogenannten Holzmedien, als Gegenpart zu verpönten Journaille, als Stadt- und Landschreiber aus Krisengebieten, als Stofflieferant für gehypte Nachwuchsautorinnen, als fünfte Instanz, als Schreib-Nerds, die nicht in der Lage sind, ordentlich am analogen Leben teilzunehmen und als was weiß ich noch alles.
Quatsch mit Soße. Blogger betreiben eine dynamische Homepage mit Inhalten für diverseste Interessen. Im Idealfall können sie gut schreiben, wenn möglich und notwendig auch einmal zwischen den Zeilen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Geld bekommen Blogger dafür nicht. Nur Kommentare und ab und zu mal einen neuen Freund oder eine neue Freundin.