Kommen immer ein paar Tropfen hinzu. Und andere fließen ab – für immer ins Meer, wo sie sich dann verlieren. Weg sind sie deshalb ja nicht, aber eben nicht mehr im Fluss. Salzig schmecken sie dann.
Verfremdlich 21 – Fairy Thalia Wonderland
28.12.2009In loser Reihenfolge gibt’s hier verfremdete (manchmal auch befremdliche) Bilder.
Heute: Fairy Thalia Wonderland.

Das Bild entstand in einer namhaften Buchhandlung in Nürnberg. Die Liebste hat im vorweihnachtlichen Trubel den halben Laden leergekauft und als sie bezahlen wollte, wurde ihr von der Verkäuferin feierlich ein Gutschein über fünf Euro überreicht. Auf die Frage, wie dieser Gutschein einzulösen sei, antwortete die Verkäuferin, man könne dies nur im Internet tun, man würde sich sparen, die schweren Bücher nach Hause zu schleppen, man müsse nicht einmal das Haus verlassen und ab einem bestimmten Bestellwert sei die Lieferung sogar versandkostenfrei.
Als die Liebste daraufhin die Verkäuferin fragte, ob sie denn nicht Angst um ihren Arbeitsplatz hätte, wurde die Verkäuferin äußerst nachdenklich und übergab den nächsten Gutschein an die nachfolgende Kundin mit bedeutend weniger Euphorie in der Stimme.
Blödsinn mit Lötzinn
27.12.2009Ein Selbstbauradio sollte es zu Weihnachten für den Neffen sein. Die Firma Franzis bietet derartiges als Transistor- und als Röhrenvariante an.

Selbstbau-Transistorradio
Weil ich von Musikerkollege Stefan, der schon einige Röhrenverstärker gebaut hat, weiß, dass in Röhren sehr starke Ströme fließen sehr hohe Spannungen herrschen und wir nicht daran Schuld sein wollten, dass der Neffe durch unser Weihnachtsgeschenk bleibende Schäden davon trägt, haben wir uns für die Transistorvariante entschieden.

Vorderansicht: Alles klar!
So schwang also der Neffe gestern erstmalig in seinem Leben einen völlig überdimensionierten Lötkolben, lötete und schraubte alles nach Anweisung zusammen, und schaltete nach gut einer Stunde diffiziler Arbeit dieses Wunderwerk hochwertigster Bastelkunst ein.
Nichts geschah.
Ich warf einen kritischen Blick auf die Platine. Die sah von vorne ganz passabel aus. Ich überprüfte alle Lötstellen, stellte fest, dass alles halbwegs fest war und konnte mir erst einmal keinen Reim darauf machen.

Rückansicht: Um Himmels Willen !
Dann aber besah ich mir die Rückseite der kleinen Platine und traute meinen Augen nicht. Der Neffe hatte dort zentimeterdick herabtropfendes Lötzinn fest werden lassen und damit sämtliche Kurzschlüsse verursacht, die auf solch engem Raum überhaupt möglich waren. Ein Feinelektroniker hätte sich beim Anblick dieser grobmotorisch schwerst verunstaltenen Platine höchstwahrscheinlich in die Ohnmacht gerettet.
Neffe und ich kamen überein, demnächst noch ein solches Radio zu erstehen und uns dann gemeinsam an Löt- und Zusammenbauarbeiten zu versuchen.
Das Projekt Röhrenradio wurde auf unbestimmte Zeit verschoben.
Wo gehobelt wird …
25.12.2009
... fallen Fingerkuppen
Karottensalat mit Eigenblut. Sakrament sind Gemüsehobel scharf.
Trotzdem: Daumen hoch, im neuen Jahr!
Erst eins, dann zwei, dann drei …
20.12.2009
... dann vier
Axel allein zu Haus. Die Liebste ist auf Familientour – Geschenke abliefern, Eltern und Freundin besuchen. Ich schreibe an einer Kolumne, die ich zur Weihnachtsfeier in der Firma vortragen werde. Thema: darf ich nicht verraten, weil auch einige Kollegen bei AxeAge lesen.
Draußen hat es 15 Grad Minus, wie es sich gehört, für einen vierten Advent. Die Freundin der Liebsten ruft an, fragt, wann denn die Liebste bei ihr einzutreffen gedenkt. Ich rate, bei ihren Eltern nachzufragen. Wir führen ein Sonntagnachmittagstelefonat im Tenor: So vergeht Jahr um Jahr und es ist uns längst klar …
Sie erzählt von ihrem Vater, um den es nicht zum Besten steht. Ich erzähle von meinem Vater, um den es nicht zum Besten steht. Während des Telefonats stehe ich am Fenster und sehe, wie ein Krankenwagen den Nachbarn abholt. Er ist viel jünger, als unsere Väter, aber er ist schwer krank und war wochenlang im Krankenhaus. Seine Frau hat mir vor ein paar Tagen erzählt, dass sie ihn über Weihnachten nach Hause holen wolle. Es hat offensichtlich nicht funktioniert. Sie steht in der Tür, winkt dem abfahrenden Krankenwagen hinterher und weint. Morgen werde ich mich nach ihm erkundigen.
Ich gerate ins Philosophieren. Der Tod gehört zum Leben, wer sich dieser Einsicht verweigert, belügt sich selbst. Man kann nichts planen im Alter; es kann alles sehr schnell gehen, es kann aber auch alles sehr lange dauern.
Der Krankenwagen biegt um die Ecke. Ich entschuldige mich bei der Freundin für meinen Sermon.
Dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es war … sagt sie.
Eldrick
15.12.2009Im Frühjahr 2001 habe ich Eldrick das erste – und einzige Mal live gesehen, beim Bay Hill Invitational in Orlando/Florida. Ich selbst habe damals im zehnten Jahr Golf gespielt und war damit halbwegs in der Lage abzuschätzen, wie schwierig es ist, einen Golfball kontrolliert einen viertel Kilometer weit zu schlagen. Abzuschätzen wohlgemerkt, nicht zu spielen !!
Dementsprechend beeindruckt war ich vom Spiel der Profis im allgemeinen – unter anderem Vijay Singh, Greg Norman, Ernie Els, Colin Montgomerie – und vom damals 26jährigen Eldrick “Tiger” Woods im besonderen.

Bay Hill Invitational - Orlando/Florida - 15. - 18. März 2001
Woods hat das Turnier – natürlich – gewonnen. Bis zum letzten Loch war er mit seinem Flightpartner, dem Linkshänder Phil Mickelson, gleich auf gelegen. Seinen Abschlag an der 18 hatte Woods damals nach links in die Büsche verzogen. Die Liebste und ich standen direkt neben ihm, als er den Ball mit dem zweiten Schlag aus dem Gebüsch, über’s Wasser 15 Zentimeter neben der Fahne platzierte. Zwar konnten wir nicht sehen, wo der Ball genau gelandet war, aber der Jubel war dermaßen groß, dass wir uns ausmalen konnten, wie grandios ihm dieser Schlag wieder einmal gelungen war.
Jedenfalls spielte er Birdie, Mickelson Par. Damit war alles klar.
Heute, acht Jahre, ein paar Knieoperationen und ein paar Sexaffären später, ist gar nichts mehr klar. Aus Tiger wurde diese Woche wieder Eldrick und der will zu Hause Großreinemachen. Das Golfspielen gibt er vorerst auf. Kann er natürlich auch, als erster und einziger Werbeeinnahmen-Milliardär, als Sieger von 71 PGA-Tour-, 38 European-Tour- und 14 Major-Siegen.
Aber bringen wird das alles nix. Die Ehe wird höchstwahrscheinlich geschieden, seine Ehefrau Elin wird die Kinder und einen Haufen Geld bekommen und er wird an seine Sponsoren ein paar gesalzene Konventionalstrafen bezahlen.
Dann, in ein paar Monaten oder in einem Jahr wird er wieder zum Driver greifen und den Ball einen viertel Kilometer weit oder noch weiter dreschen. Nike oder ein anderer Sportartikelhersteller wird ihn wieder unter Vertrag nehmen und ohne sein Saubermann-Image spielt er wahrscheinlich umso befreiter und womöglich noch überzeugender auf.
Und vielleicht finden sich auch wieder ein paar golfbegeisterte Kids, die in die Kamera posaunen: I am Tiger Woods.
Going Home – Teil 8
11.12.2009
Der Sound, der vom immer stärker werdenden Wind zu den umliegenden Hügeln getragen wird, ist erbärmlich. Man sieht Nancy Nevins an, wie unzufrieden sie ist. Der Rest der Band gibt sich lässig. Harry tut so, als sei er begeistert, aber John kennt ihn lange genug und weiß, dass das nicht stimmt. Daggy wälzt sich auf der Decke hin und her. Als es leicht zu regnen beginnt, piepst sie:
“Habt Ihr Euch eigentlich mal überlegt, was hier los sein wird, wenn die Wolken dort drüben hierher ziehen und sich über dem Festivalgelände ausschütten?“
Die Jungs antworten unisono wortlos mit einem mitleidigen Beruhige-Dich-Baby-Blick, doch der zunehmend böiger werdende Wind, der die Lautsprechertürme bedrohlich ins Wanken bringt, spricht seine eigene Sprache.
Eine Durchsage der Festivalleitung fordert nachdrücklich und wiederholt, sich von den Türmen fern zu halten. Bei schönstem Sonnenschein aufgespannte Planen über der Bühne, die Schutz vor Regen und zu großer Sonneneinstrahlung bieten sollten, reißen ab, flattern eine Zeit lang neben und über der Bühne, um dann gespenstisch in die Zuschauer zu schweben.
Schließlich, als der Regen stärker und der Sound von Sweetwater immer mieser wird, als Daggy endlich, endlich wissen will, was nun geschehen soll, als es mehr und mehr zu regnen beginnt, als Sweetwater von der Bühne gehen und ein völlig entrückter Tim Hardin die Bühne betritt, als die Lautsprechertürme immer bedrohlicher schwanken, als Tim Hardin ständig die Stimme bricht, als nach einer Umbaupause die Sitar von Ravi Shankar zu hören ist und es noch mehr regnet, als Daggy unter einer Plastikplane sitzt, um sich vor den herabstürzenden Wassermassen zu schützen, als Shankar seinen Auftritt abbricht, weil sich das Wetter zu einem Unwetter ausgewachsen hat und sein sündhaft teures Instrument droht, bei der Nässe bleibende Schäden davon zu tragen, als Daggy nur noch weint, weil der Weltschmerz so groß ist und die Geburt bevor steht, als John alles versucht, sie zu beruhigen, als Harry seinen völlig durchweichten Joint anzünden möchte, als immer mehr Festivalbesucher irgendwo bei den Toiletten, bei den Verkaufsständen, im naheliegenden Wald Schutz suchen, als Blitz und Donner gleichzeitig herniedergehen und einen kurzfristigen Stromausfall verursachen, als viele sich wünschen, sie wären zu Hause in ihren Studentenbuden geblieben und hätten dort ein gemütliches Wochenende verbracht, als die Stimme des Sprechers mit Panik in der Stimme davor warnt, sich in die Nähe der Lautsprechertürme zu begeben, als Geschichte geschrieben wird in Sachen Three Days of Love and Peace, als dies alles geschieht, setzen bei Daggy die Wehen ein.
“Wir müssen sie tragen”, sagt John. “Wohin?” fragt Harry. Daggy schreit.
“Was ist mit ihr?”, fragen viele.
“Aus dem Weg”, fordern Harry und John. Daggy schreit.
Auf der Bühne ist nichts los. Donner grollt. Regen prasselt. Blitz sorgt für Licht. Auf einem Freigelände bleibt Harrys rechter Schuh im Schlamm stecken. Daggy schreit. John fragt, wohin. Harry hat keine Ahnung. Er zieht seinen Fuß aus dem Schlamm, steuert eine Meute grölender Jungs an und fragt nach einem Arzt.
Die Jungs unterbrechen ihr Grölen, heben ihre Bierflaschen, fragen betreten, was mit Daggy ist und deuten auf eine Hütte, nicht weit entfernt.
“Ist sie schwanger?”, fragt einer und bietet an, mit zur Hütte zu gehen. “Ich bin Krankenpfleger”, sagt er und wirft seine Bierflasche weg.
Teuflische Rechthaberei
08.12.2009Das letzte Schachspiel mit meinem Vater ließ mir keine Ruhe. Ich habe die Partie von Mephisto zu Ende spielen lassen. Nach 3 Zügen war Papa dann doch matt. Hmmm …
Weiß: h4-h3 - Schwarz: g5-g4 Schach
Weiß: h3-h4 - Schwarz: d7-f8
Weiß: a1-e1 - Schwarz: f8-g6 Matt

Schachmatt - Der teuflische Brikett irrt sich nie
Fotofinish
07.12.2009Bauer G6 nach G5. Nach gut einer Stunde biete ich meinem Vater Schach. Matt dröhne ich.
Vater schaut kurz auf’s Brett und steckt mir die Hand hin. Respekt sagt er.

Schachmatt?
Ich bin ehrlich gesagt etwas perplex. Mein Vater ist ein guter Schachspieler. Ich, der ich nur alle heilige Zeit spiele und keine zwei Züge weit vorausdenken kann, dürfte eigentlich überhaupt keine Chance gegen ihn haben. Heute, im Aufenthaltsraum des Krankenhauses, Station 8 – Urologie, schlage ich ihn mit schwarz.
Mein Vater klopft mir tapfer auf die Schulter. Ich lächle halbseiden. Wir gehen zurück ins Krankenzimmer. Sein Zimmernachbar hat Besuch von seiner Frau.
Ratet, wer gewonnen hat, frage ich die beiden. Sie blicken zu meinem Vater. Der antwortet leicht resigniert: Gegen die Jugend kommen wir Alten nicht mehr an. Der Zimmernachbar nickt zustimmend und weiß eine Anekdote. Vor Jahren verbrachte er mit ein paar guten Freunden ein Hüttenwochenende. Es wurde auch Schach gespielt und ein Neuer, den die Jungs bis dato noch nicht dabei hatten, hat das Spiel einfach nicht kapiert. Der wusste gar nicht, welche Züge man mit den einzelnen Figuren machen kann, höhnt der Zimmernachbar und erzählt uns, dass der Neue nach ein paar Tagen alle zusammen aufgefordert habe, gegen ihn, den Anfänger und Nichtskönner Schach zu spielen; er hätte die Spielregeln jetzt verstanden und sei in der Lage, blind und simultan gegen jeden anzutreten und zu gewinnen. Und tatsächlich, so war es auch, berichtet der Zimmernachbar und schließt seine Story mit der Pointe, dass sich der vermeintliche Anfänger als bayerischer Schachmeister entpuppt hat.
Ich verabschiede mich an diesem Nachmittag von meinem Vater mit dem tröstenden Gedanken, dass er mich heute hat gewinnen lassen. Als ich zu Hause das “Zielfoto” analysiere, weiß ich, dass ich mit dieser Erkenntnis wahrscheinlich gar nicht so falsch liege. Er war gar nicht Schachmatt. König H4 – H3 wäre noch ein möglicher Zug gewesen und ich bin mir ziemlich sicher, Vater wäre ein Ausweg aus dieser verfahrenen Situation gelungen.
Verfasst von axeage 