Leider, leider hat die Zeit in diesem Jahr nur für eine einzige Lesung bei den Laufer Literaturtagen gereicht, aber die war wahrlich köstlich. Jan Weiler las am Freitag aus seinem neuen Roman Drachensaat und nach einer kurzen Rotweinpause Kolumnen aus seiner Reihe Mein Leben als Mensch.
Launig eröffnete er die Veranstaltung mit dem Hinweis, dass der erste Teil etwa eine dreiviertel Stunde und der zweite Teil ungefähr sieben Stunden dauern würde. Pinkel-, Rotwein- und sonstige Pausen seien in diesem zweiten Teil allerdings nicht vorgesehen.
Derart gebrieft machte er uns, das Publikum, mit Plot und Handlungsstrang seines Romans bekannt: Es gehe um Menschen, die einer neuen, weitgehend unbekannten Gesellschaftsschicht angehören und die aus dem bisher vorherrschenden Schema Ober-, Mittel und Unterschicht herausgefallen seien; Menschen, die zunehmend Orientierung und Bindung, aber auch Akzeptanz und Verständnis zur bestehenden Gesellschaftsordnung und deren Mechanismen verloren hätten.
So treffen in der Privatklinik des Psychologen Dr. Zens fünf Menschen aufeinander, die alle auf ordentlich schräge Lebensläufe verweisen können und deren Leben und Besonderheiten durch Massenmedien – sei es im Fernsehen oder im Internet – ausgebeutet wurden. Dr. Heiner Zens meint im Verhalten seiner Patienten ein neues Syndrom gefunden zu haben, benennt dieses ganz unbescheiden das Zens-Syndrom und hat auch gleich eine ebenso bizarr, wie hanebüchen anmutende Therapie dafür bzw. dagegen.
Da ist zunächst der Ich-Erzähler Bernhard Schade, der nach zahlreichen privaten und beruflichen Pleiten beschlossen hat, sich umzubringen und aus dem Zufall heraus, dass diese seine Entscheidung genau mit dem Zeitpunkt zusammentrifft, an dem die langjährig ersehnten Wagner-Opernkarten bei ihm eintreffen, seinen Freitod während eben jener Opernaufführung in aller Öffentlichkeit zelebrieren möchte, sein Vorhaben aber scheitert und er statt im Leichenschauhaus, im Krankenhaus und später bei Dr. Zens in dessen Privatklinik landet.
Ja oder Rita Bauernfeind, die ursprünglich stark übergewichtige Büroangestellte, die sich deshalb, weil sie Funk- und Radiofrequenzen wahrnimmt und feststellt, diese vermeintlich verspeisen zu können, sich seit geraumer Zeit nur von Wasser und Luft ernährt und deshalb mehr als 200 kg abgenommen hat. Schließlich Ünal Yilmaz, ein streitbarer, homosexueller Busfahrer, der von seinen moralischen Vorstellungen derart durchdrungen ist, dass er hunderte und aberhunderte Gerichtsprozesse angestrengt, die meisten allerdings verloren hat und eines Tages mit seinem Linienbus eine von Polizei und Massenmedien verfolgte Irrfahrt durch halb Deutschland unternimmt.
Der Postpote Arnold Merz hat ausgerechnet vor Briefschlitzen und anderen Unwägbarkeiten des Lebens Angst und stellt deshalb mehrere hunderttausend Briefe nicht zu, hortet sie stattdessen sauber geordnet in seiner Wohnung, bis das Gewicht all dieser Briefe dazu führt dass der Fußboden seiner Wohnung nachgibt und durchbricht.
Der fünfte und letzte im Bunde ist Benno Tiggelkamp, ein Altbekannter aus Weilers früherem Roman Maria, ihm schmeckt’s nicht, dessen Eigentümlichkeiten uns der Autor allerdings an diesem Abend mit einem verschmitzten Lächeln verschwieg.
Weiler versteht es, nicht nur fehlerfrei und mit angenehmer Stimme seine Texte vorzutragen, er ist auch in der Lage, unterschiedliche Charaktere mit jeweils unterschiedlichen Stimmen zu belegen, so dass der Eindruck entsteht, man würde nicht einer Lesung, sondern einem Theaterstück beiwohnen. Vor allem die sich leicht überschlagende Stimme von Dr. Zens war wunderbar getroffen und seinem süffisant-zynischen Charakter treffend angepasst. Ansonsten war die Vorstellung seines neuen Romans so gehalten, dass das Publikum nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig erfuhr und der Autor uns mit genug Neugier auf die gesamte Lektüre des Buches in die Pause entließ.
Die Texte, die Jan Weiler im zweiten Teil aus seiner wöchentlich erscheinenden Kolumnenreihe las, erinnerten mich ein wenig an Axel Hackes Das Beste aus meinem Leben. Ehefrau Sara, Sohn Nick und Schwiegervater Antonio Marcipane sind die Hauptpersonen in diesen kurzen Geschichten, in denen es um Entscheidungskriterien beim Flachbildschirmkauf, Knecht Ruprechtsche Erziehungsmethoden im Kindergarten, die kosmetische Aufbereitung venezianischer Schwiegervätergesichter, Urzeitkrebse mit eigenwilligen Vornamen, Partys mit manipulierter Gruppendynamik, flammenwerferunterstützte Martinsumzüge und kindliches Humorverständnis bzw. Unverständnis ging. Alles herrlich skurril, wunderbar formuliert und in erster Linie natürlich treffend beobachtet.
Vor dem letzten Text wies Weiler darauf hin, dass es nach der Lesung nicht, wie sonst üblich eine Fragerunde gebe. Er begründete dies unter anderem damit, dass er viel zu viel Mitleid mit den von ihren belesenen und literaturbeflissenen Frauen mitgeschleppten Ehemännern hätte und er an deren Gesichtern schon von weitem ablesen könne, dass sie nach anstrengender Lesung sowieso nur zwei Fragen hätten, nämlich
1. Was denn jetzt bitteschön noch für Fragen?
2. Wie lange dauert das jetzt noch?
Stattdessen bot Weiler an, Bücher zu signieren und Autogramme zu geben. Gerne auch fremde Bücher und fremde Autogramme. Franz Schätzing zum Beispiel – kein Problem.
Viele Besucher der bis auf den letzten Platz besetzten Lesung kamen dieser Aufforderung gerne nach. Für den Rest blieb als schwacher Trost nur Marcel Reich Ranickis berühmte Abschiedsformel:
Die Zeit ist um, wir sehen betroffen – den Vorhang zu und alle Fragen offen.
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Weiterführende LINKS:
16.11.2009 um 8:16
Na dann werde ich mal wieder in der Buchhandlung vorbei schauen, bin nächste Woche eh zu Hause. Vielleicht ist es ja auch was für den Einen oder Anderen zu Weihnachten oder zum Geburtstag. Vielen Dank, gut geschrieben – fehlte nur der Rotwein
16.11.2009 um 10:11
@iris
Wenn Dich Deine Weihnachts-/Geburtstagseinkäufe in die Nürnberger Gegend verschlagen, schau’ bei uns vorbei, dann bekommst Du auch ein Glas Rotwein. Und damit’s richtig stilecht wird, werde ich Dir ein paar meiner Kolumnen vortragen
16.11.2009 um 11:33
@axeage,
das ist aber ein nettes Angebot! Jetzt tut es mir doppelt leid, dass ich in der nächsten Zeit wohl nicht in der Gegend sein werde
16.11.2009 um 14:09
@iris
Du kannst die Lesung übrigens als Podcast hier anhören (ziemlich in der Mitte heißt es da mal lapidar “Lesung Jan Weiler”, da drückste einfach auf den kleinen Pfeil neben dem kleinen Lautsprecher und schon geht’s los). Klasse, dieser Internetdingens – oder?
16.11.2009 um 14:57
@axeage,
Perfekt, mach ich unbedingt! Nur heute nicht mehr, keine Zeit ;(
16.11.2009 um 15:03
@iris
Ja, ja, das kannst Du wirklich nur dann machen, wenn Du Zeit hast. Der zweite Teil dauert, wie Du weißt, über sieben Stunden
16.11.2009 um 18:15
@axeage,
was sind in Russland 7 Stunden
18.11.2009 um 8:42
@axeage,
ich hatte gestern einen sehr unterhaltsamen Nachmittag mit Rotwein und das habe ich nur Dir zu verdanken. Weiter so!
18.11.2009 um 9:12
@iris
Das freut mich sehr. Ich habe mir auch die “fehlenden” Lesungen auf den mp3-Player kopiert. Bei Gelegenheit höre ich mir dann Rafik Schami, Wibke Bruhns, Steffen Radlmaier und Sibylle Lewitscharoff an. Und bestimmt auch nochmal Jan Weiler. Auf keinen Fall allerdings Susanne Fröhlich – schon der Name.
18.11.2009 um 10:19
@axeage,
“Auf keinen Fall allerdings Susanne Fröhlich ” -
das verstehe ich gut. Susanne Fröhlichs “Werke” gehören ja auch nicht zur LITERATUR!
Ein wenig Niveau sollten wir uns schön gönnen, bei der knapp bemessenen Zeit