Nachdem ich im Haus sämtliche Glühbirnen durch Energiesparlampen ersetzt habe, treten immer dann, wenn ich das Licht einschalte, Jean-Luc Picard und Johann Wolfgang von Goethe vor mein geistiges Auge.
Das hat damit zu tun, dass es nach dem Einschalten einer Energiesparlampe im Raum gefühlt dunkler wird, anstatt heller. E-nergie! fordert der Captain der Enterprise mit eindrucksvollem Imperativ und der Dichterfürst ermahnt mit seinen angeblich letzten Worten: Mehr Licht!
Zusammen mit Guido I’m not an native English Speaker Westerwave werden das bestimmt vier ganz wunderbare Jahre des Fremdschämens.
Neulich hat Volker Pispers in einer Satiresendung sinngemäß gesagt: Ach was waren das für Zeiten, als man versucht hat, politische Polterer wie Franz Josef Strauß mit der Parole „Stoppt Strauß“ aufzuhalten.
Kann sich heutzutage irgend jemand eine Kampagne vorstellen mit dem Titel „Stoppt Merkel“? Jeder würde sich die Frage stellen: Stoppen, wobei?
Übrigens:
Bla Bla Bla heißt auf Englisch Yadda-Yadda.
Obwohl ich schon lange keinen mehr in Händen hielt, werde ich ihn doch vermissen. Den Quelle-Katalog.
In meiner Jugend war er für mich mehr, als nur das Fenster in die schöne, große Konsumwelt, die sich nicht wie heute schnöde durch lieblos gezimmerte Internetseiten oder nervtötendes Teleshopping präsentierte. Allein der Produktname der Hausmarke ließ erahnen, womit man es zu tun hatte. Nicht mit einer Weltmarke, nein die Kühlschränke, Waschmaschinen, Elektroherde und HiFi-Anlagen schienen der Quelle des Universums darselbst entsprungen zu sein, um sich in Millionen und Abermillionen Küchen, Wohnzimmern und Waschkellern zu materialisieren.
Mir war vollkommen klar, warum Karl-Theodor Von und Zu 50 Mille in die Hand genommen hat, um ein letztes Mal die Druckmaschinen anwerfen zu lassen, wusste er doch genau, dass es bei diesem Meisterwerk marktwirtschaftlicher Weltliteratur nicht einfach nur ums Kaufen ging. Die Lektüre eines Quelle-Katalogs war durchaus mit der Lektüre eines Magazins, eines Bilderromans, eines fundiert recherchierten Sachbuchs vergleichbar und hielt einen, auch wenn man nichts bestellte, noch Wochen und Monate nach der heiß ersehnten Sonderzustellung in Atem.
Allein der aufklärerische Aspekt in der Rubrik Mieder- und Damenunterwäsche kann für meine und nachfolgende Generationen gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Hübsche Frauen mit echten Brüsten und nicht von jedem Körperhaar befreiten Bikinizonen lieferten herrliches Anschauungsmaterial, über das auch einmal ganz unverfänglich hinweggeblättert werden konnte, wenn die Mutter das Jugendzimmer betrat und mit gestrengem Blick musterte, welchen Studien sich der Herr Sohn da schon wieder hingab. Ja, auch wenn es nicht das Englischbuch oder die Formelsammlung war, der Quelle-Katalog war immer akzeptiert.
Selbst Ausflüge ins Reich der Mystik, die im Lebensalter aufkeimender Sexualität mindestens ebenso wertvoll sind, wie Closeups einschlägiger Körperregionen, waren da mit Wort und Bild geboten. Ein ewiges Mysterium wird in dem Zusammenhang wohl bleiben, warum ein Massagegerät, das seine Arbeit in Gesicht und an den Oberarmen verrichten sollte, die Form eines Stabes haben muss.
Dann die atemberaubende Phono- und HiFi-Technik, die sich anfänglich in rechteckigen Kompaktanlagen mit passendem, dunkelbraunem Möbel präsentierte, um sich schließlich mehr und mehr zur Komponentenbauweise zu entwickeln. Oh ja, man kam sich vor, wie der versierteste Tontechniker der Welt, wenn man Plattenspieler, Kassettendeck und Receiver erfolgreich miteinander verkabelt hatte und die ersten Takte von Bohemian Rhapsody aus den High-Fidelity-Lautsprechern ertönten.
Ja oder der Duft von Freiheit und Abenteuer, den man atmen durfte, wenn man sich im Geiste in die Auspuffwolke eines zweitaktgetriebenen Mopeds von Mars stellte und dabei die technischen Leistungsdaten mit denen des eigenen Klapprads verglich.
Ach ja, begehrt haben wir alle. Bestellt manchmal. Gelesen, geschaut und gestaunt aber haben wir immer.
Und bevor ich den Quelle-Katalog in Frieden ruhen lasse, darf ich meinen Kolumnisten-Kollegen Franz Josef Wagner von der Bildzeitung zitieren, der ebenso traurig ist wie ich und der sich standesgemäß von der Bibel des deutschen Wirtschaftswunders mit folgenden Worten verabschiedet:
Wenn man durch deutsche Vor- oder Kleinstädte fährt, fallen einem zunehmend bunte Luftballons auf, die dazu einladen, sich in einem soeben eröffneten oder schon seit längerer Zeit bestehenden Matratzenmarkt eine oder am besten gleich mehrere Matratzen zu kaufen, denn hier und nur hier gibt es die bequemsten Federkerne, die prächtigsten Lattenroste, die natürlichsten Naturlatexe und die höchsten Preisnachlässe darauf.
Ein seit längerer Zeit bestehender Matratzenmarkt ist in dem Zusammenhang einer ganz eigenen Matratzenmarktzeitrechnung geschuldet, denn länger als ein Jahr existieren derartige Märkte kaum. Dann künden Luftballons anderer Farbe und Größe vom Aus- und Räumungsverkauf und der Laden verschwindet so schnell wieder, wie er einst – also vor ein paar Monaten – eröffnet worden war.
Gleiches gilt für Selbstbedienungsbäckereien, Wasserbettengroßmärkte, Kosmetik- und Nagelstudios, Druckerpatronenaufladezentralen, Brötchenlieferservice, Kleintransporterkurier- und Verkehrsgefährdungsdienste, sowie Abfüllstationen für Schnaps, Wein, Öl und Essig aus echten Eichenfässern, die mindestens dreizehn Mal über den Äquator …
Hinter solchen Geschäftsmodellen steckt nicht selten ein Franchise-System, bei dem jemand, der sich Franchisegeber nennt, eine Geschäftsidee und entsprechendes Equipment an jemanden verkauft, der sich Franchisenehmer nennt und oft genug keine Ahnung vom Geschäftsleben im Allgemeinen und von der jeweiligen Branche im Besonderen hat.
Vor Jahren habe ich mich auch einmal für Franchise-Systeme interessiert und mich an eine Agentur gewandt, die Franchisegeber und potenzielle Franchisenehmer zusammenbringt. Seither erreichen mich in unregelmäßigen Abständen Newsletter mit zum Teil großartigen Geschäftsmodellen.
Pünktlich zum 20jährigen Jubiläum des Mauerfalls dann endlich die Geschäftsidee des Jahres:
Zäune - schnell fallen einem Wiesen und Bauernhöfe ein. Aber auch aus Städten sind sie nicht wegzudenken. Zäune und Tore werden durch steigende Sicherheitsbedürfnisse immer wichtiger. Dies betrifft zum Beispiel Flughäfen, Firmen für sensible Technologien oder politische Großereignisse. Allein der Zaun beim G-8-Gipfel in Heiligendamm hatte eine Länge von zwölf Kilometern.
Flux begann ich zu rechnen: Hätte man mir als Zaunaufsteller die Aufstellung nur weniger hundert Meter dieser Kilometer langen Umzäunung gegönnt, ich hätte wahrscheinlich allein mit diesem Auftrag im ersten Jahr bereits ausgesorgt gehabt.
Der Markt für Zäune und Zaunsysteme ist ein lukratives Tätigkeitsfeld. Seit über zehn Jahren steigt die Nachfrage. Erstens wächst der Bedarf bei Privatleuten und Firmen. Zweitens braucht die ökologische Tierhaltung heute mehr Zaunmaterial als früher.
Oh ja, sämtliche Zwerghasen und Katzen der Nachbarn bedürfen schon längst einer Einzäunung, von versprengten Schafen einmal ganz abgesehen.
Michael C., ein Zaunbauer der jünsten Stunde kam in dem Newsletter ebenfalls zu Wort und beruhigte unter anderem mit dem Satz:
„In intensiven Recherchen zeigte sich, dass die Konkurrenz im Zaunmarkt nicht so groß ist wie in vielen anderen Zweigen!“
Als dann noch davon berichtet wurde, dass dieses System hoch hinaus will und im August in der Schweiz 15 mutige Zaunbauer den höchsten Zaun der Welt gebaut haben, war ich vollends überzeugt.
Vorgeschoben haben besagte Zaunbauer übrigens den Eintrag ins Guiness-Buch der Rekorde. In Wahrheit jedoch setzten sie damit eine EU-Richtlinie um, nach der ehemalige Steuerparadiese so abzusichern sind, dass niemand mehr ohne größere Anstrengung hinein, geschweige denn heraus kommt.
Morgen jedenfalls kaufe ich mich in das System ein. Die Einzäunung Liechtensteins wird mein erstes Projekt.
Soeben entdeckt: eine alte Satirezeitschrift aus den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Durch und durch analog. Nix Computer, nix Internet, nix Laserdrucker. Nur Schreibmaschine, Bleistift, Fotokopierer und handgedengelte Illustrationen.
Ich und mein Staubsauger unter anderem mit köstlich hanebüchenen Texten von Max Goldt (Onkel Max).
Ja ja, der Titel dieser Kolumne treibt Gegnern von Anglizismen höchstwahrscheinlich die Zornesröte ins Gesicht, aber halbwegs sinnvoll ins Deutsche übertragen, müsste die Überschrift in etwa lauten: Häufiges Umschalten des Fernsehprogramms tötet die Arbeit mit dem Klapprechner. Bei aller Liebe …
Also, seit wir unseren Klapprechner haben, surfe ich im weltweiten Netz nicht, wie früher im Arbeits-, sondern im Wohnzimmer und verfolge das Fernsehprogramm meistens nur noch aus den Augenwinkeln heraus. Dabei fällt mir in letzter Zeit verstärkt auf, wie oft die Liebste geruht zu zappen, wenn ihr das Fernsehprogramm nicht gefällt. Ich gestehe, ich werde dabei immer etwas wahnsinnig, weil ich mich, auch wenn ich mich noch so anstrenge, nicht auf meinen Text oder was ich sonst so am Computer anstelle, konzentrieren kann.
Weil die Liebste die Reihenfolge der Sender sozusagen thematisch geordnet und die ersten Programmplätze den Öffentlichrechtlichen und sämtlichen Dritten zugeteilt hat, ist der Störfaktor anfänglich nicht ganz so gravierend. Danach allerdings wird es problematisch für mich. Es folgen nämlich die Unterschichtensender Privatsender. Aber selbst die sind noch halbwegs erträglich, zumal die Liebste spätestens dann weiterzappt, wenn es besonders unterschubladig wird.
So richtig dick kommt es, wenn die Verkaufssender, die eine immer größer werdende Staffel einnehmen, marktschreierisch Damenoberbekleidung, Schmuck, Küchen- und Heimwerkergerätschaften oder Nippes und Tand feilbieten. Die Liebste kringelt sich dann immer vor Freude über die zunehmend obskurer werdenden Scheußlichkeiten und fordert mich nachhaltig auf, ihre Freude und Verwunderung mit ihr zu teilen.
Man fragt sich bei so manchen Angeboten tatsächlich, wie geschmacksverirrt und verzweifelt jemand sein muss, wenn er beispielsweise eine in den schrillsten Farben gehaltene Bluse kauft, die an der Seite mit goldenen und silbernen Pailletten besetzt ist, die zusammengenommen die Silhouette eines springenden Delfins darstellen und in der eine vollschlanke Dame mit praktischer Kurzhaarfrisur aussieht, wie die schlechtest bezahlte Nebendarstellerin aus der ersten Staffel von Raumschiff Enterprise. Ja oder wie es in so manch deutschem Wohnzimmer aussehen mag, wo Heerscharen bastelwütiger Hausfrauen Hand an Serviette, Tisch- und Fensterdekoration legen, nachdem sie sich vorher umfänglich mit Bastelbedarf und Zierrat aus einschlägigen Verkaufssendern eingedeckt haben.
Nach den Teleshop-Programmen folgen die ausländischen Sender. Seifenopern und Trashquizsendungen aus Berlusconien nerven dabei ebenso, wie Folklore aus Fernost, Kitsch aus Bollywood und Nachrichten von Al Jazeera.
Schließlich die letzte Rubrik in Sachen Fernsehprogramme, die Axel von seinem Laptop ablenken. Sieläuft unter der Überschrift Sonstige. Hier hat die Liebste, was die Senderreihenfolge betrifft, ihre ganz eigene Auffassung von Political Correctness verwirklicht, indem sie den Schwulensender Timm zwischen Bibel- und God-TV gepackt hat.
Doch, es hat etwas, wenn auf einen völlig vergeistigten Wanderprediger, der gerade zu einer spirituellen Massenhysterie in einer amerikanischen Turnhalle aufstachelt, ein nackter Mann folgt, der ein Schlafzimmer betritt, in dem ein anderer nackter Mann bereits sehnsüchtig auf den ersten nackten Mann wartet und schließlich alles in einem Alphakurs endet, der die Frage beantworten soll: Wie werde ich vom heiligen Geist erfüllt.
Aber ich darf mich nicht beschweren. Oft schaut die Liebste auch nur einen Tatort und die dort verwendeten Textpassagen lenken mich schon lange nicht mehr ab, beschränken sie sich doch im Wesentlichen auf folgenden Dialog:
Kommissar: Ihr Mann wurde erschossen! Ehefrau des Opfers:Erschossen? Kommissar:Erschossen!
Dieser Artikel erschien am 24. Oktober 2009 auch bei kolumnen.de