Verfremdlich 20 – Teilabriss

28.08.2009

In loser Reihenfolge gibt’s hier verfremdete (manchmal auch befremdliche) Bilder.
Heute: Teilabriss.

Das Bild entstand in Lauf an der Pegnitz, wo das Brauhaus Lauf abgerissen wurde, um Platz zu machen für eine Eigentumswohnanlage. Nur noch das ehemalige Verwaltungsgebäude mit der befremdlich anmutenden Silhouette eines Hausanbaus blieb stehen, wahrscheinlich, weil Vodafone und/oder Telekom noch keinen neuen Platz für ihre Funksendemasten gefunden haben oder die Mietverträge noch eine Zeit lang laufen.
Es blutet mir schon immer etwas das Herz, wenn eine Brauerei einfach so verkommt oder gar abgerissen wird. Aber solange dieser morbide Bau mit dem Schriftzug “Brauhaus Lauf” auf der Stirnseite noch steht, bleibt wenigstens noch ein wenig visuelle Erinnerung an die alte Braustätte. Ob die Eigentümer und Mieter der neuen Wohnanlage das auch so sehen, bleibt abzuwarten und ist wohl eher unwahrscheinlich.
Mir jedenfalls gefällt’s.


And when we kissed – Ohh-Ohh – Möp

27.08.2009

Neben Fahrradrallye und MASH-Gig gab es am Wochenende ein drittes Ereignis, das hier kurz erwähnt werden soll: Neffe Philipp, Freund Günter, die Liebste und ich haben uns nämlich für die Jubilarin, die ein großer Fan von Bruce Springsteen ist, eine kleine Geburtstagsbelustigung einfallen lassen und Songs vom Boss, teilweise mit neuen Texten versehen, gesungen, getrommelt, gepfiffen, geklampft und geklimbert.

The Möp-Band

The Bruce Springsteen Clone Band

Dazu hat Freund Günter ein Keyboard benutzt, das ich vor Jahren einmal bei ebay ersteigert habe und das ohne Verstärkung etwas dünn klingt. So etwa: MöpMöp MöpMöp MöpiDiMöp MöpMöp …

Zum Auftritt allerdings haben wir das Alleinunterhalter-Instrument über einen Verstärker und die großen Boxen laufen lassen und waren durchaus der Meinung, es klinge halbwegs vernünftig.

Die Jubilarin allerdings war anderer Ansicht. Sie meinte, es hätte schon noch ordentlich gemöpt und am darauf folgenden Tag beim Frühstück holten wir uns die Refrain-Zeile des Songs Fire vor’s geistige Ohr:
And when we kissed – Ohh-Ohh – Möp.

Es kann sich nicht niemand vorstellen, wie sehr erwachsene Menschen kichern können, wenn ihnen Schalk, Übernächtigung und Kater im Nacken sitzen.


Bronze und Gold

26.08.2009

Nein, es geht hier nicht um die am Wochenende zu Ende gegangene Erythropoetin Leichtathletik-WM, sondern um eine Fahrradrallye, die eine liebe Freundin alle zehn Jahre zu ihrem runden Geburtstag veranstaltet.
Am vergangenen Samstag war es wieder so weit. Jedes Team bekam einen Katalog von Fragen, den es auf der etwa 20 Kilometer langen Radltour abzuarbeiten galt. Außerdem waren zahlreiche Sonderprüfungen zu absolvieren: unter anderem wurde hoch droben auf einem Aussichtsturm der Puls gemessen, ohne dass vorher von der Rennleitung bekannt gegeben worden wäre, ob nach einigen hundert Stufen ein hoher oder ein niedriger Puls positiv bewertet würde.
Beim Erraten von zehn kurz angespielten Songs aus vergangenen und aktuellen Hitparaden war unser Team (Neffe Philipp, Freund Hartmut und ich) allerdings ungeschlagen. Neun von den zehn Liedern – wohlgemerkt mit Interpret – hatten wir richtig. Nur Billy Joels Pianoman blieb von uns unerkannt.

Zum Schluss belegten die Liebste und ihr Team den dritten Platz und Phil, Hardy und ich gingen als Sieger aus dem Turnier.
Wir waren überglücklich, vor allem deshalb, weil Hardy aus dem fernen Nordrhein Westfalen mit einer ganz klaren Vorstellung davon angereist war, welchen Platz er bei dieser Veranstaltung einnehmen wollte.
Ich komme, um zu gewinnen,
waren seine Worte.

Gold und Bronze

Bronze und Gold auf Ledercouch vor Rauhfaser

Siegerteam

Das Siegerteam vor dem Start und wildem Wein


Deshalb

25.08.2009

Würden wir nur deshalb Musik machen, um damit Geld zu verdienen, hätten wir schon längst wieder damit aufhören müssen. Zu viel kostet die Technik, zu gering sind die Gagen der Veranstalter, zu oft müssten wir auf die Bühne.
Die letzten beiden Gigs bei größeren Altstadtfesten waren denn auch eher davon geprägt, mit den Tücken der Beschallungstechnik zu kämpfen, als dass wir uns dem adrenalingeschwängerten Kick auf der Bühne hingegeben hätten, vom Goldene-Nase-Verdienen mal ganz abgesehen.

MASH beim Schafferhof-Zoigl

MASH beim Schafferhof-Zoigl

Am vergangen Sonntag allerdings war alles ganz anders:
Prächtiges Wetter, eine kleine, geliehene Gesangsanlage mit improvisiertem, selbst gebasteltem, aber funktionierendem Monitorsound, akustische Gitarren, mäßig verstärkter Bass, gedämpftes Schlagzeug, begeisterte Zuschauer und ein ganz bezaubernder Veranstaltungsort, nämlich der Innenhof der Schafferhof-Zoigl-Brauerei in Neuhaus, das waren die Rahmenbedingungen für unseren bisher schönsten Gig.

Zweieinhalb bis drei Stunden hatte uns Reinhard Fütterer, der sympathische Wirt vom Schafferhof gebucht. Gespielt haben wir dann vier Stunden. Nicht für Geld, denn mehr Gage haben wir deshalb nicht bekommen, sondern weil die Leute mitgegangen sind, weil sie aus den hintersten Ecken des weit verzweigten Biergartens gekommen sind, um uns zuzuhören, weil die Bedienungen, trotzdem sie alle Hände voll zu tun hatten, ein paar Sekunden vor der Bühne stehen geblieben sind, um sich im Takt der Musik zu wiegen, weil die Sonne als Scheinwerfer gedient hat, weil das Bier selbstgebraut, das Schwein hausgeschlachtet und das Brot holzofengebacken war, weil wir auf besonderen Wunsch eines jugendlichen Rollstuhlfahrers dessen Lieblingslied gespielt haben und er sich so sehr darüber gefreut hat, dass er fast aus seinem Rollstuhl gefallen wäre.
Deshalb.

Naja und deshalb natürlich auch. Und deshalb.


MASH in der SZ

19.08.2009

Gestern abend rief mich eine Redakteurin der Süddeutschen Zeitung an und fragte, ob ich ihr von unserer Band MASH nicht ganz schnell noch ein hochauflösendes Foto schicken könnte, morgen im Bayern-Teil würde ein Veranstaltungshinweis auf unseren nächsten Gig im Schafferhof-Zoigl in Neuhaus/Windischeschenbach veröffentlicht.

Ich blickte mich kurz nach versteckten Kameras um, ließ mir nochmal ganz langsam den Namen der Zeitung wiederholen und tatsächlich, es war nicht der Sechsämterbote und auch nicht das Anzeigenblättchen der Einzelhändlervereinigung Windischeschenbach.

Leider wurde Ingo, der einzige SZ-Abonnent unserer Band, aus dem Bild herausgeschnitten. Ich konnte ihn heute morgen nur mit Mühe davon abbringen, das Zeitungsabo zu kündigen.

MASH im Schafferhof-Zoigl


Chinese Chasing Sound

14.08.2009
Verwaister Barhocker im Jazzclub Iridium New York

Auf diesem Barhocker und mit dieser Gitarre hat Lester William Polsfuss, besser bekannt als Les Paul, regelmäßig bis ins hohe Alter Konzerte im New Yorker Jazzclub Iridium gegeben.
Gestern ist dieser äußerst sympathische Mensch, Gitarrist und Erfinder im Alter von 94 Jahren gestorben.

Einen schönen, kleinen Film über sein Leben und sein Werk gibt es beim Klick auf die verwaiste Gitarre.

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Ironie des Schicksals:
Wer auf das obige Bild klickt, um den Youtube-Film zu sehen, wird rechts neben dem Film einen LINK zu einer Seite entdecken, auf der chinesische Plagiate von Les-Paul-Gitarren angeboten werden.
Diese Seite zu verlinken, verkneife ich mir und ich fordere auch nicht dazu auf, diesem LINK zu folgen. Solche Plagiate zu vertreiben ist nämlich absolut verboten, denn eine Original Gibson Les Paul Made in USA kostet ca. 3.500 € und die chinesischen Billigklampfen werden für rund ein Zehntel dieses Preises angeboten.
Also Finger weg, schon aus Pietätsgründen!


Opel Roulette

14.08.2009

Opel Roulette internäschenell:
GM verkauft den deutschesten aller Autohersteller Opel an irgend ein Magna-Russen-Spekulanten-Konsortium, das, wenn ich es richtig verstanden habe, vom deutschen Staat Garantien, Zusagen und Kredite bekommt, um dann, nach überstandener Krise alles wieder an die Amis zurück zu verkaufen, nicht ohne vorher ordentlich Reibach gemacht und sich über die dümmsten, weil deutschesten aller Steuerzahler kaputt gelacht zu haben.

Opel Roulette axeagenell:
Ich habe einen acht Jahre alten und damit noch nicht abwrackfähigen Astra-Kombi, von dem ich vor kurzem noch geschrieben habe, dass er mich noch nie im Stich gelassen hat, jetzt aber, mit gerade mal 120.000 Kilometern, verbeulten Türen, einem kaputten Auspuff und einem völlig überteuerten Kundendienst mit Zahnriementausch und was weiß ich noch alles im Rücken, stehe ich vor der Entscheidung, die Scheißkarre für viel zu viel Geld entweder herrichten zu lassen, oder mir einen anderen, etwas neueren Opel gleichen Modells zu holen, weil mir der Händler einen Preis für die alte Kiste bietet, den ich eigentlich nicht ausschlagen kann, in drei Jahren alles wieder von vorne beginnt, weil der Neue dann wieder 120.000 Kilometer drauf hat, der Zahnriemen und der Auspuff fällig werden und …

Rien ne va plus.


Always look on the bright side of life

07.08.2009

Es ist nicht der Liebsten und meine Lieblingsbeschäftigung und selbst die Katze bekommt im Zuge der vorbereitenden Arbeiten immer diesen unsteten, fast verhetzten Blick und stellt die Ohren auf, meistens dann, wenn sie mitbekommt, dass ich in der Besenkammer herumkrame, um den Staubsauger zu holen. Die Rede ist vom gemeinen Hausputz, der ebenso lästig ist, wie ab und zu eben einfach notwendig.

Schon wenn die Liebste verkündet – meistens an einem Freitag – Morgen ist es mal wieder so weit, gehe ich in der Nacht zum Samstag in Gedanken alle Schritte durch, die zur Durchführung dieser gewaltigen Aufgabe notwendig sind, als da wären: Füllgrad des Staubbeutels prüfen, Inventur bei den Putzmitteln durchführen, im Weg herumstehende Möbel beiseite räumen und einen Zeitplan erstellen, denn pro Raum sollte eine genau festgelegte Putzzeit keinesfalls  überschritten werden. Außerdem muss die Heizung programmiert werden, denn ebenso wie bei einer guten Geburt, braucht man bei einem guten Hausputz ausreichend heißes Wasser. Und ganz wichtig: Batterien des mp3-Players laden.

Letzteres entstammt dem ursprünglich von mir müde belächelten Tipp aus einem hausfraulichen Psychologiebüchlein, das mir meine Mutter einmal geschenkt hat und in dem sinngemäß steht, dass eine unangenehme Aufgabe, wie zum Beispiel Geschirrspülen, dann am leichtesten von der Hand geht, wenn man dazu ein fröhlich Liedlein pfeift.
Seither gebe ich mir bei Volume-Max die Red Hot Chili Peppers, wenn ich Wannenspray auftrage oder der unwürdigen Aufgabe einer Klobürste die Hand führe oder den Spiegel poliere oder mit dem Staubsauger durchs Haus trotte.
Tatsächlich erledigt sich mit Kopfhörern und entsprechender Musik die Hausreinigung wesentlich angenehmer, allerdings gibt es einen entscheidenden Nachteil, der aber eher damit zu tun hat, dass ich noch nicht der Vollprofi unter den Putzteufeln und demzufolge immer noch auf An-, Hin- und Zurechtweisungen der Liebsten angewiesen bin.
Oft genug schleicht sich diese nämlich von hinten an mich heran, wohl wissend, dass ich gerade verzückt einem Gitarrensolo von John Frusciante lausche und mir dabei vorstelle, der Staubsauger wäre eine Fender Stratocaster, tippt mir auf die Schulter, so dass ich fürchterlich erschrecke, macht daraufhin das unschuldigste Gesicht der Welt, mich mit meinen neuen Aufgaben vertraut und verschwindet so schnell wieder, wie sie hinter mir aufgetaucht war. Mir rast das Herz, der Staubsauger dröhnt und Anthony Kiedis brüllt mir Californication ins linke Ohr.

Immerhin gibt es, was die Arbeitsteilung zwischen der Liebsten und mir betrifft,  ziemlich konkrete Regelungen: Küche, Schuhschrank, Abstauben und Wischen macht die Liebste. Bäder, Gitarren und Staubsaugen mache ich.
Neulich allerdings gab es einen Spezialfall. In der Küche über der Tür hängt ein von Palmzweigen eingerahmtes Kruzifix mit einem Jesus aus weißem Porzellan. Über die Jahre ist Jesus, wie man sich denken kann,  nicht mehr weiß, sondern leicht gelblich geworden. Also dachte sich die Liebste, wäre es doch eine feine Idee, ihn von seinem Kreuz abzunehmen, zu Messern, Gabeln und Löffeln in den Besteckkasten des Geschirrspülers zu stecken, ordentlich durchzuspülen – immerhin ist er ja aus böhmischen Porzellan – und ihn danach …

… tja, ihn danach wieder anzunageln.

Nein, dieser Aufgabe fühlte sich niemand von uns gewachsen. Die Liebste hat Jesus daraufhin nur abgestaubt und die Palmzweige erneuert. Seinen Gilb durfte er behalten.

Dieser Artikel erschien am 21. August 2009 auch bei
kolumnen.de


Vom seligen Geben während der Eiszeit

05.08.2009

Gestern habe ich zusammen mit meinem Vater meine Mutter in der Reha-Klinik besucht. Nach mehreren Hüftoperationen macht sie gute Fortschritte und wird am Samstag entlassen, obwohl ihr der Arzt dringend geraten hatte, noch eine Woche anzuhängen. Nichts zu machen, erteilte die Mutter dem Herrn Doktor eine Abfuhr und nachdem am Wochenende sowieso nichts Therapeutisches geschieht und die Patienten nur dumm in ihren Zimmern herumsitzen (Originalton Mutter), hatte sie kurzerhand beschlossen, am kommenden Samstag ist Schluss mit Reha – basta!
Vater und ich jedenfalls waren gestern Zeuge eines längeren Mutterspaziergangs mit einem sogenannten Gehbock und auch eine Treppe hat Mama mit Hilfe einer Krücke zwar angestrengt, aber immerhin bis oben hin geschafft. Das Ganze unter den kritischen Augen einer jungen Physiotherapeutin und als wir auf dem Rückweg den Ausgang der Klinik passierten, lockte uns die Augustsonne nach draußen und wir nahmen auf einer Bank Platz.

Neben uns saß eine ältere Dame in einem Rollstuhl: gepflegt, goldkettchenbehängt, mit verschmitztem Lächeln im Gesicht und leicht blinzelnd, weil vom Sonnenlicht ein wenig geblendet.

Zwischen ihr und mir entspann sich folgender Dialog:

Dame im Rollstuhl: Sie könnten mir 70 Cent geben, dann kaufe ich mir ein Eis.
Ich (leicht verdutzt): 70 Cent, hmm, mal sehen, was ich habe.
Dame im Rollstuhl: Geben Sie mir einen Euro, dann kaufe ich mir eine besseres Eis.
Ich (im Geldbeutel kramend): Ich habe weder 70 Cent, noch einen Euro. Ich habe nur zwei Euro.
Dame im Rollstuhl: Das ist auch in Ordnung, geben Sie mir zwei Euro. Das geht schon in Ordnung.

Geldübergabe

Etwas hilflos suchte ich Blickkontakt zu meinen Eltern. Die taten allerdings so, als seien sie ins Gespräch vertieft.
Also gab ich der Dame im Rollstuhl zwei Euro, damit sie sich ein noch besseres Eis kaufen konnte.

Ob sie es getan hat, weiß ich nicht. Vielleicht hat sie ja auch den Zwickel zu den anderen Münzen in ihr Nachtkästchen gelegt, die sie auf diese Weise während ihres Klinikaufenthalts verdient hatte.
Jedenfalls hat sie sich überschwänglich und mit herzlichem Händedruck bei mir bedankt.


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