Dogleg

27.05.2009

„Hast Du Kinder?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Wir haben keine bekommen.“
„Ich habe einen Sohn. Leider nur einen. Ich hätte gerne mehr Kinder gehabt. Jetzt gibt es nur noch ihn. Aber er wohnt so weit weg. Wir sehen uns kaum.“

Ich frage nicht, was mit ihrem Mann ist, weil sie schon bei ihrem Ball steht und ihn gekonnt bis zum Grünrand schlägt. Sie spielt ziemlich gut Golf. Sie ist in Prag geboren, in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, wie ein Vetter von ihr neulich auf einer Geburtstagsfeier gescherzt hat, wofür sie ihn seither hasst. Mit 21 ist sie einfach abgehauen – in den Westen. Leichtsinnig, wie man so ist als junge Frau, hat sie gesagt, aber ich habe es nie bereut, hat sie gleich hinterher gesagt. Sie hat Jahrzehnte in Afrika gelebt und gearbeitet. Sie hatte Malaria. Ein Neger hat ihr das Leben gerettet. Alle Ärzte hatten versagt, aber er, der Neger hatte die richtige Behandlungsmethode. Sie verbringt den Winter in Südafrika und den Sommer in Deutschland. Sie meidet Malariagebiete. Ihr Sohn lebt in der Schweiz. Er ist Ingenieur.
Das alles weiß ich erst seit ein paar Stunden. Seit wir zusammen Golf spielen.

Wir stehen auf dem 16. Grün und während sie puttet, bin ich mir ganz sicher, dass sie mir heute noch von ihrem Mann erzählen wird. Ich werde nicht nachfragen müssen. Sie wird selbst auf ihn zu sprechen kommen.
Wir spielen beide Bogey am Loch 16.
An Loch 17 und Loch 18 auch.
Am 19. Loch lade ich sie zu einem Drink ein. Wir sitzen ein Stündchen zusammen und kommen ins Plaudern. Dann erzählt sie mir von ihrem Mann.

„Weißt Du, als mein Sohn 18 Jahre alt geworden ist, hatte ich einen Job in Leipzig und mein Mann arbeitete bei einem Entwicklungshilfeprojekt in Tansania. Ich habe meinem Sohn nicht einfach so ein altes Auto kaufen wollen, das an jeder Ecke liegen bleibt, also habe ich ihm mein Auto geliehen. Er ist an diesem Abend mit seinen Freunden weggefahren. Irgendwann in der Nacht rief die Polizei an und der Polizist sagte, er hätte mir eine traurige Mitteilung zu machen. Mein erster Gedanke war, mein Sohn hat einen Unfall gehabt. Aber der Polizist sagte, es gehe nicht um meinen Sohn, es gehe um meinen Mann. Der Polizist sagte, mein Mann sei vor ein paar Stunden an einem Herzinfarkt gestorben. Mit 52 Jahren.

Hier macht sie eine Pause. Dann erzählt sie mir, dass ihr Mann weder geraucht noch getrunken habe, dass er vor seinem Afrika-Einsatz von mehreren Ärzten durchgecheckt worden sei. Es war alles in Ordnung mit ihm, sagt sie, er war sehr sportlich und hatte nicht einmal den Ansatz eines Bauches, sagt sie und lächelt, während sie einen verschmitzten Blick auf meinen Bauch wirft. Nein, sagt sie, das war bestimmt kein Herzinfarkt …

Ob sie nicht herausfinden möchte, woran ihr Mann wirklich gestorben ist, frage ich. Sie schüttelt den Kopf und winkt ab.

Sie hat das Haus in Tansania von einem Makler verkaufen und sich die wenigen, privaten Habseligkeiten Ihres Mannes nach Deutschland schicken lassen. Den Koffer hat sie bis heute nicht geöffnet.
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Ein Dogleg (englisch: dogleg = Hundebein) bezeichnet eine Golfbahn auf einem Golfplatz, deren Fairway nach rechts (Dogleg nach rechts) oder links (Dogleg nach links) gebogen oder abgeknickt ist. Der Richtungswechsel ist normalerweise etwa an der Stelle, an der ein guter Abschlag landen sollte.
Wikipedia

Kulturnacht

25.05.2009

Seit einigen Monaten singt die Liebste in einem Chor. Ursprünglich als Gospelchor angelegt, der sich hauptsächlich amerikanisch-christlichem Liedgut verschrieben hatte, wagte man den Sprung zu einem neuen Chorprojekt mit eher weltlicher Orientierung und gründete Coro Blue.
Gestern gab es zusammen mit einer feinen Vier-Mann-Band (Trompete, Keyboards, Bass und Schlagzeug) das erste öffentliche Konzert in der Mehrzweckhalle zu Eschenau. Weil das Repertoire des neuen Chores noch nicht allzu umfangreich ist, gab es ein üppiges Rahmenprogramm: Sonetten von Shakespeare, Ballett- und Tanzeinlagen, Swing von der Band, Arien von Nachwuchssängerinnen und einen allerliebsten Jugendchor. Das Ganze unter dem Motto Love and Peace oder frei übersetzt Maien ist Lieben.

Coro Blue

Nun, ich darf (befangen, wie ich zweifelsohne bin) sagen, von den Chören, die ich bisher gehört habe, ist Coro Blue einer der besten. Das liegt natürlich hauptsächlich an den Sängerinnen und Sängern, aber auch, wie ich finde, an der Chorleiterin Astrid Lierenfeld, die mit sehr viel Herzblut bei der Sache und für die außergewöhnlichen Arrangements verantwortlich ist.

Insgesamt ein äußerst kurzweiliger, weil abwechslungsreicher Abend, allerdings freue ich mich auch schon auf einen reinen Chorabend, den es hoffentlich bald geben wird, dann wenn sich das Repertoire von Coro Blue in den nächsten Monaten erweitert haben wird.


Schreibtisch aufräumen

21.05.2009

Weil sich hoher Besuch aus Berlin angesagt hatte – meine Cousine hat uns mit Mann und Söhnen auf dem Lande besucht – habe ich heute morgen meinen Schreibtisch aufgeräumt. Dabei ist ein seit längerem vermisstes Zeit-Magazin mit Begleitfilm aufgetaucht, das ich 2007 am Bahnhofskiosk gekauft habe. Es trägt den Titel 1967 – Das Jahr der Revolte.
Auf dem Cover ist der vom Polizisten Karl-Heinz Kurras angeschossene und später an diesen Schussverletzungen verstorbene Student Benno Ohnesorg abgebildet.

Stasi-Opfer Benno Ohnesorg?

Stasi-Opfer Ohnesorg?

Wie es der Zufall will, hat sich heute herausgestellt, dass der Todesschütze Karl-Heinz Kurras Stasi-Mitarbeiter und SED-Mitglied war. Nein, nein, ein Auftragsmord der Stasi soll es auf keinen Fall gewesen sein. Waffennarr und Superspitzel Kurras hat höchstwahrscheinlich nur überreagiert, oder etwas falsch verstanden. Ja, und bedrängt hat er sich natürlich gefühlt, im schlecht beleuchteten Berliner Hinterhof, vom unbewaffneten Ohnesorg.

Ich gebe zu, es hat mich schon immer ordentlich gewürgt, wenn ich das Bild von diesem armen Würstchen Ohnesorg gesehen habe, wie er so daliegt, in seinem eigenen Blut, nur weil er zum berühmten falschen Zeitpunkt am falschen Ort war. Seit heute würgt es mich nicht mehr nur. Seit heute könnte ich kotzen.


Sie lebt und ist wohlauf

15.05.2009

Die Herz-Lungen-Maschine ist abgeklemmt, die Schrauben sind festgedreht, die Saiten sind aufgezogen. Die AxeStrat ist aus der Narkose erwacht.

AxeStrat lebt

AxeStrat lebt

Die neue Elektronik hat ihr gut getan. Lautloses Umschalten, kein Rauschen, kein Knacken und ein glasklarer Sound.
Im folgenden Beispiel ist der immer gleiche Riff mit sämtlichen Tonabnehmer-Kombinationen zu hören:

  1. Hals
  2. Hals, Mitte
  3. Mitte
  4. Mitte, Steg
  5. Steg
  6. Hals, Steg (Telecaster-Sound)
  7. Hals, Mitte, Steg

Das Ganze Clean, mit ein wenig Hall über einen Fender Princeton Chorus, abgenommen mit einem Shure SM 58 Gesangsmikrofon.

Die Sounds 6 und 7 sind neu. Sie werden mit gezogenem Ton-Podi des Step-Pickups erzeugt. Außerdem ist nicht, wie sonst üblich, der Steg-Abnehmer ohne Tonregelung, sondern der in der Mitte. Das entspricht der sogenannten Vintage-Verkabelung, wie sie in den 60er Jahren üblich war. Mir gefällt dieser unverfälschte Sound, vor allem, weil ich den Abnehmer in der Mitte gerne mal alleine spiele.


Verfremdlich 17 – Stadtaffen

14.05.2009

In loser Reihenfolge gibt’s hier verfremdete (manchmal auch befremdliche) Bilder.
Heute: Stadtaffen.

Das Bild entstand in Nürnberg bei einem Stadtspaziergang und zeigt die Dekoration eines Friseurladens. Dass sich die Häuser gegenüber so wunderbar im Schaufenster spiegeln, habe ich erst auf dem Foto entdeckt. Ein klasse Effekt.


AxeStrat auf dem OP-Tisch

13.05.2009

AxeStrat Self-Made

Meine Fender Stratocaster ist kein Original. Ich habe sie nach meinen Vorstellungen und natürlich auch nach meinem Geldbeutel zum Teil aus Originalteilen zusammengebaut.
Sie hat einen wunderbar zu bespielenden Hals und die Tonabnehmer sind ‘69er aus der Custom Shop-Serie, handgewickelt von der berühmten Fender-Mitarbeiterin Abigail Ybarra.
Auch die Mechaniken habe ich nachgerüstet und eine Original Fender-Neckplatte musste es bei der Gelegenheit auch sein.

Bei den letzten Bandproben habe ich allerdings festgestellt, dass die Elektronik (die zugegebenermaßen sehr minderwertig ist) einen ordentlichen Wackelkontakt hat. Beim Berühren des Pickup-Wahlschalters war der Gitarre zum Schluss nur entweder ein grausiges Brummen oder ein viel zu leiser Ton zu zu entlocken.
Jimi Hendrix Pickups und viel zu leiser Ton geht natürlich gar nicht, also habe ich mich entschlossen, die Elektronik gegen etwas Solides auszutauschen. Heute morgen kam das Paket, dessen Inhalt folgendermaßen beschrieben wird:

Das 5 Way CRL® Switch gehört qualitativ zu den besten Switches die Fender je verbaut hat. Die Qualität wird schon dadurch deutlich, dass das Produkt mit einer US Patent-Nr. versehen ist.

Das besondere daran ist, dass mit der Push/Pull Mechanik zusätzliche Klangmöglichkeiten bestehen. Ist der Push/Pull Schalter gedrückt, gibt es die übliche Stratocaster 5 Wege Schaltung. Ist er gezogen, kommen zwei neue Tonvarianten hinzu, nämlich in der Stufe 4, Brücke/Mitte/Hals und in der Stufe 5 Brücke/Hals. Letzteres entspricht dem Klang einer Telecaster.
Außerdem ist noch ein sogenannter High-Pass Filter verbaut, der bewirkt, dass bei Wegnahme der Lautstärke die lästigen Tiefen unterdrückt werden und somit der Klangeindruck klar und kräftig bleibt.

Ich schlage also vier Fliegen mit einer Klappe: Der Wackelkontakt ist weg, die Zuverlässigkeit der Gitarre steigt, der Sound ist besser und ich bekomme quasi ein zweite Gitarre dazu (Telecaster).

AxeStrat auf dem OP-Tisch

AxeStrat geöffnet

So, jetzt wird der Lötkolben geschwungen. Klangbeispiele gibt es hier im Blog, wenn die AxeStrat wieder von der Herz-Lungen-Maschine abgeklemmt und zusammengeschraubt ist.


Darwinismus pur

09.05.2009

Gestern hat mir meine Cousine, die mit Familie in Berlin lebt, eine Mail mit einer herzzerreißend, tragikomischen Geschichte geschickt und wie es sich für eine gestandene Fotografin gehört, hat sie die Story auch noch wunderbar mit entsprechenden Bildern dokumentiert.
Vielen Dank dafür und einen lieben Gruß an dieser Stelle nach Berlin.
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Der ein oder andere hat ja schon von unserer Ente gehört , die seit 3 Wochen ausgerechnet unter unserem Weinstock in der Loggia ihr Nest gebaut hat. Wie es sich gehört für echte Großstädter, wir haben eine alleinerziehende Ente! Kein Erpel kommt mal füttern – unsere Amazone regelt alles alleine. 4 Eier liegen im Nest, das sorgfältig behütet wird. Selbst von unseren Kindern die das Geschehen regelmäßig beobachten, lässt sie sich nicht stören. Max hatte der Ente gleich einen Namen gegeben: Nina – Emma und Quirin findet: „Die Ente lächelt“.

Nun ist es soweit, und die Küken sind geschlüpft! Just an dem Tag, an dem wir nach Halle fahren wollten.

Große Aufregung bei uns, den Kindern sowieso – die Küken sind im Blumentopf, die Ente eine unerbittliche Mama in Verteidigungsposition.

So kam es, dass das erste Küken – gerade mal 1/2 Stunde alt – beim Trinken von Oli erschreckt und beim Zurück-klettern in den Hinterhof gefallen ist. Die Mama – eine echte Mama – stürzt sich sogleich mit Geschnatter und Flügelschlagen auf den armen Oli und setzt ihre stärkste biologische Waffe ein – ein stinkender und erschreckter Oli kommt zurück – und die Mama bringt ihre Kinder in „Sicherheit“: sie lockt sie allesamt in den Hinterhof. So lassen sich null-komma-nichts die Kinder in den Hof fallen, und kommen tatsächlich völlig unbeschadet unten an ( immerhin 4 Altbau-Stockwerke tiefer! )

Die Ente hat dabei allerdings nicht bedacht: es gibt keinen Ausgang aus unserem Hof, dafür aber viele Katzen. Was tun als tierlieber Bürger? Wir rufen die Feuerwehr!

So wird die Mama samt Küken kurze Zeit später eingefangen und mit dem Löschzug in den Park gebracht – und wir allesamt hinterher, um die glückliche Rettung „unserer“ Ente zu begleiten.

Unsere wohlmeinende Rettungsaktion wird allerdings zum Lehrstück über soziale Grausamkeit und Schaden, der aus Unwissenheit anderen zugefügt werden kann.

Kaum wird die Ente dort in den großen Ententeich gebracht und schwimmt dort im Wasser, stürzen sich 7 Enten auf sie und hacken auf sie ein. Nur 2 der 3 Küken kommen im Wasser an, und während die Mama versucht, sich der Angriffe zu erwehren, schnappt sich die Krähe im Sturzflug das zweite Küken.

Die Ente wird aus dem Teich vertrieben, und während sie vergeblich versucht, wieder zu ihren Jungen ins Wasser zu kommen, schwimmt mutterseelen-alleine das letzte Küken mitten im Wasser, ständig neuen Attacken der Krähe ausgesetzt. Keine der anderen Enten kümmert sich um das Junge.

Deutlich geknickt besprechen wir auf dem Rückweg die Situation mit unseren Kindern. Darwinismus pur.

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Nachtrag 11.05.2009

Es gibt mittlerweile doch noch Hoffnung:

Wir haben am Wochenende eine ziemlich mitgenommenen Entenmama mit 2 Küken auf dem Teich entdeckt – mit kahlen Stellen am Kopf und einer eigenartigen Beule im Nacken – sieht fast aus wie ein gebrochenes Genick – ??? Jedoch fröhlich mit den beiden Küken im Wasser schwimmend. (Bis der nächste Erpel wieder über sie herfällt – wir wissen mittlerweile, dass dieser halbe Mordversuch als „Liebesspiel“ zu bezeichnen ist, und sie, da ohne Mann, immer noch Freiwild im Teich ist). Doch die Küken sind gewachsen und fidel! So hat das eine tatsächlich den Angriffen der Krähe standgehalten, und sich das andere offensichtlich nur gut im Gestrüpp versteckt!

Eigenartigerweise sind das die einzigen Küken weit und breit….


Heil Helge

08.05.2009

Gestern war der Film Mein Führer von Dani Levy im Fernsehen zu sehen. Ich fand ihn ganz hervorragend, nicht nur, weil ich ein großer Fan von Helge Schneider und dem leider viel zu früh verstorbenen Ulrich Mühe bin.

Nachdem die schon oft gestellte Frage, ob man über Adolf Hitler lachen darf, ja zum Glück schon von Charlie Chaplin, Ernst Lubitsch und Mel Brooks beantwortet worden ist, blieb die Frage, ob Helge es schaffen würde, Hitler nicht zu sehr zu überzeichnen, was ja normalerweise sein Markenzeichen ist, in dem Fall wohl aber eher störend, um nicht zu sagen, verstörend gewirkt hätte. Doch der Helge-Hitler ist ganz ausgezeichnet geglückt.

Weil mich gestern nach einem anstrengenden Arbeitstag und einer nicht minder anstrengenden Bandprobe im Fernsehsessel dann aber doch ab und zu der Sekundenschlaf übermannt hat, habe ich im Internet ein wenig geforscht und tatsächlich den vollständigen Film gefunden.
Also für alle, die sich selbst ein Bild machen wollen, Führer Helge in acht Teilen mit chinesischen Untertiteln.


Liebes Tagebuch

06.05.2009

In diesem Jahr schreibe ich mein zehntes Tagebuch. Es gibt seit dem 1. Januar 2000 keinen einzigen Tag, den ich nicht mehr oder weniger ausgiebig beschrieben hätte. Viele Banalitäten stehen da drin, was es zu essen gab, wie das Wetter war, wann ich aufgestanden bin, was ich gelesen habe, aber auch, wohin ich unterwegs war, wen ich getroffen habe, was ich von der einen oder anderen Person halte und natürlich auch einiges aus der privatesten Privatsphäre, will heißen, absolut Unveröffentlichungswürdiges.

Tagebücher seit 2000

Tagebücher seit 2000

Wenn man so will, ist das Weblog hier auch eine Art Tagebuch, aber erstens gibt es nicht jeden Tag einen Eintrag und zweitens sind hier eher herausgehobene Ereignisse dokumentiert, die einen irgendwie öffentlichen Unterhaltungswert haben, wenn ich das mal so ausdrücken darf.

Neulich habe ich mir überlegt, wem ich meine Tagebücher einmal anvertraue, bevor ich endgültig von dieser Welt abtrete, oder, noch spannender, wem sie einmal in die Hände fallen werden, weil ich plötzlich und unerwartet aus dem Leben geschieden bin, oder, noch spannender, was wohl geschehen würde, würde ich eines Tages in den Besitz solcher Aufzeichnungen einer mir fremden, oder noch spannender, einer mir bekannten Person gelangen.

Um die erste Frage zu beantworten: Ich habe keine Ahnung. Eigentlich sind diese Tagebücher nur für mich bestimmt und tatsächlich kommt es vor, dass ich an manchem Sonntag auf dem Bettrand sitze, mir eins der Bücher schnappe, die allesamt neben meinem Bett stehen und darin lese. Und dieses Lesen hat nichts zu tun mit dem Lesen, wie ich es normalerweise tue. Es ist gewissermaßen ein Eintauchen in die eigene Vergangenheit, aber eben nicht wie in ein Buch, das ich schon einmal gelesen habe, sondern wie ins Leben, das ich schon einmal gelebt habe und dazu gehört nicht nur der Inhalt, sondern beispielsweise auch die Entwicklung der eigenen Handschrift oder des Schreibstils oder die jährlich wechselnde Farbe des Bucheinbands oder der Vergilbtheitsgrad der Blätter.

Andererseits wäre es natürlich schon interessant zu wissen, was ein anderer von solchen Aufzeichnungen hält.
Würde ich Tagebücher einer anderen Person zu lesen bekommen, ich würde höchstwahrscheinlich Urlaub nehmen, weil ich immerzu darin lesen würde, rund um die Uhr, tagelang, wochenlang, bis ich alle Bücher durch hätte. Und nach der Lektüre hätte ich die Gewissheit, von Dingen zu wissen, die außer mir nur noch dem Tagebuchschreiber bekannt sind – eine Vorstellung, die mich total elektrisiert.

Warum ich gerade jetzt auf dieses Thema komme, liegt an einem Weblog, das ich seit ein paar Monaten verfolge und in dem es seit Anfang Mai eine Art Tagebuch gibt, das sich ganz hervorragend liest.
Melancholie Modeste - bitteschön, hier entlang.