Vor vielen Jahren, also in einem ganz, ganz anderen Leben, habe ich einmal Betriebswirtschaft studiert und dieses Studium auch tatsächlich mit Diplom abgeschlossen. Eines der Fächer, mit denen ich so überhaupt nichts anfangen konnte, war – neben Betriebswirtschaft – Volkswirtschaft. Für mich bestanden diese Fächer im mehr als bemühten Versuch, komplexe Zusammenhänge in der Mikro- und Makro-Ökonomie mit Formeln und kruden Modellen zu erklären, die sich beim besten Willen nicht durch Formeln oder Modelle herleiten, geschweige denn erklären lassen.
Um die Studierenden noch zusätzlich zu ärgern, wurden ihnen als Prüfungsvoraussetzung Referate zu einem bestimmten Thema abverlangt und um die Kommunikation innerhalb eines Semesters zu fördern, ein Thema auf jeweils zwei Studenten aufgeteilt.
Ich erinnere mich, dass das Thema „Preisfindung in der Marktwirtschaft“ weiland von Klaus, unserem Primus mit Udo einem Zweimeter-Riesen, der nebenbei Grabreden hielt und später ein Bestattungsinstitut eröffnete, gemeinsam erarbeitet wurde.
Klaus hielt seinen Teil des Referats erwartungsgemäß sachlich und sprachlich einwandfrei, ohne große Showeinlagen, sprich die Hälfte der Anwesenden im Hörsaal ist eingeschlafen. Der zweite Teil, also der des Grabredners Udo, wurde ob der angeschlagenen Gesundheit unseres in die Jahre gekommenen Professors mehrmals verschoben und als Udo nach dreimaliger Terminverschiebung endlich seinen Teil zum Thema „Preisfindung in der Marktwirtschaft“ beitragen durfte, hatte er nichts besseres zu tun, als diesen mit den Worten einzuleiten:
„Was lange währt, wird endlich gut.“
Darüber hinaus hatte er sich, im Gegensatz zu allen anderen, die bisher ihr Referat, so, wie es sich gehörte, im Stehen gehalten hatten, auf einem Stuhl hinter dem heiligen Professorentisch niedergelassen und seine sagenumwobenen, einleitenden Worte mit äußerst süffisantem Lächeln und selbstgefälligem Gestus vorgetragen.
Als er dann auch noch anhand einer grafischen Darstellung sinngemäß von sich gab, die Preisvorstellung der Anbieter und diejenige der Konsumenten nähert sich immer mehr an und das alles geht dann so lange im Kreis herum, bis der Marktpreis gefunden worden sei, war das Maß voll.
Der sonst eher zurückhaltende und ruhige Professor wurde puterrot im Gesicht, schrie, wie wir es vorher und nachher nicht mehr von ihm gehört hatten, dass es ja wohl eine Unverschämtheit sei, was sich dieser Herr da vorne erlauben würde, forderte ihn auf, sich unverzüglich von seinem Sitzplatz, der ihm in keiner Weise zustünde, zu erheben und sein Referat in der nächsten Stunde besser vorbereitet und gefälligst im Stehen, so wie alle anderen vor und nach ihm, zu halten. Daraufhin verließ Herr Professor Tür schlagend den Hörsaal und begab sich erneut drei Wochen in den Krankenstand.
Das Thema meines Referats lautete „Das Haavelmo Theorem“. Ich hatte es zusammen mit einer Kommilitonin vorzubereiten, in die ich mich schwerst verliebt hatte, die aber leider schon vergeben war. Weil mir dieser Umstand schmerzlich bewusst wurde, habe ich mich intensiv in die Arbeit gestürzt und dem Autitorium in einem Referat, wie ich selten eins in meinem Leben gehalten habe, mitgeteilt, dass von einer Erhöhung der Staatsausgaben, die voll über zusätzliche Steuern finanziert wird, eine Erhöhung des Gleichgewichtseinkommens ausgeht, die mindestens so groß ist, wie die Erhöhung der Staatsausgaben bzw. der zu ihrer Finanzierung notwendigen Steuererhöhung. Mit anderen Worten, der Staat kann das gesamtwirtschaftliche Einkommen erhöhen, indem er mehr Steuern erhebt und diese Einnahmen sofort wieder vollständig ausgibt.
So sehr unser alter Herr Professor Udo damals abgekanzelt hat, so sehr hat er mich nach meinem Referat gelobt.
Man habe gemerkt, sagte er, dass das Thema nicht nur er- sondern verarbeitet wurde. Diese Worte klingen heute noch äußerst wohltuend in meinen Ohren.
Wer allerdings jetzt glaubt, mit besagtem Theorem die Probleme der derzeit vorherrschenden Finanzkrise erklären, gar bewältigen zu können, dem sei mitgeteilt, dass sich das Theorem auf den Gütermarkt einer stark vereinfachten Volkswirtschaft bezieht und der Geldmarkt im Modell überhaupt nicht berücksichtigt wird.
Udo hat seinen Teil des Referats übrigens nie mehr gehalten. Er hat sich von jenem Tage an seinem bereits damals im Aufbau befindlichen Bestattungsinstitut gewidmet und das Studium irgendwann abgebrochen.
Den Marktpreis für seine Dienstleistung hat Udo mit dem Totschlagsargument gestorben wird immer auch ohne theoretische Herleitung gefunden und die Familie des Herrn Professors hat nach dessen Ableben die Organisation des Begräbnisses in die Hände von Udos Bestattungsinstitut gelegt. Udo hat natürlich kein Wort über die Schmach des verpatzten Referats verloren. Dafür war er zu pietätvoll und zu sehr Profi.
Marktwirtschaftsprofi, versteht sich.
Dieser Artikel erschien am 1. April 2009 auch bei
kolumnen.de
Verfasst von axeage 
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Vom 20. bis zum 26. September schrieben 17 Autoren bei jetzt auf, was sie in dieser Woche erlebt und gedacht haben. Zu Hause, bei der Arbeit, in der Schule, unterwegs auf Reisen. Manche der Autoren haben schon in den vergangenen Jahren für das jetzt-Tagebuch geschrieben, andere sind hinzugekommen, unter ihnen Smudo und Christian Ulmen. Auch wenn jeder der Autoren auf seine eigene Weise aufschrieb, was ihn beschäftigte, beantworten alle 17 Tagebücher doch die gleiche Frage: Wie geht es uns jetzt, im Herbst ‘99?
Shaun, das Schaf. Für mich gibt es kaum eine witzigere Sendung. Ich liebe es, wenn Shaun ohne viel Federlesens Herr der Lage wird und bleibt, entweder mit Unterstützung des allzu menschlichen Hütehundes, auch oder gerade, wenn dieser ab und zu in sein typisches Hundeverhalten zurückfällt, aber stets mit den Widrigkeiten des Schaf- und Herdenlebens kämpfend. Sei es, weil das dicke Schaf wieder einmal alles frisst, was ihm über den Weg läuft, oder die benachbarte Schweinehorde ihrem Namen alle Ehre macht, oder der Bauer ein neues Spielzeug gekauft hat, das den Bauernhof im Allgemeinen und die Schafherde im Besonderen bedroht, oder weil Außerirdische, Touristen, Postboten, Busfahrer oder Hündinnen, in die sich besagter Hütehund verliebt, das beschauliche Leben einer englischen Stop-Motion-Schafherde aufs empfindlichste stören.
Ach ja, manchmal glaube ich, eine Volkswirtschaft, deren Marktteilnehmer es für notwendig erachten, Slogans aus der Brachialabteilung einer Werbeagentur vom Rande der Stadt in ihre Schaufenster zu pappen, hat es nicht anders verdient, als dieser Tage im Orkus der Geschichte zu verschwinden.