Totengräber der Marktwirtschaft

30.03.2009

Vor vielen Jahren, also in einem ganz, ganz anderen Leben, habe ich einmal Betriebswirtschaft studiert und dieses Studium auch tatsächlich mit Diplom abgeschlossen. Eines der Fächer, mit denen ich so überhaupt nichts anfangen konnte, war – neben Betriebswirtschaft – Volkswirtschaft. Für mich bestanden diese Fächer im mehr als bemühten Versuch, komplexe Zusammenhänge in der Mikro- und Makro-Ökonomie mit Formeln und kruden Modellen zu erklären, die sich beim besten Willen nicht durch Formeln oder Modelle herleiten, geschweige denn erklären lassen.

Um die Studierenden noch zusätzlich zu ärgern, wurden ihnen als Prüfungsvoraussetzung Referate zu einem bestimmten Thema abverlangt und um die Kommunikation innerhalb eines Semesters zu fördern, ein Thema auf jeweils zwei Studenten aufgeteilt.
Ich erinnere mich, dass das Thema „Preisfindung in der Marktwirtschaft“ weiland von Klaus, unserem Primus mit Udo einem Zweimeter-Riesen, der nebenbei Grabreden hielt und später ein Bestattungsinstitut eröffnete, gemeinsam erarbeitet wurde.

Klaus hielt seinen Teil des Referats erwartungsgemäß sachlich und sprachlich einwandfrei, ohne große Showeinlagen, sprich die Hälfte der Anwesenden im Hörsaal ist eingeschlafen. Der zweite Teil, also der des Grabredners Udo, wurde ob der angeschlagenen Gesundheit unseres in die Jahre gekommenen Professors mehrmals verschoben und als Udo nach dreimaliger Terminverschiebung endlich seinen Teil zum Thema „Preisfindung in der Marktwirtschaft“ beitragen durfte, hatte er nichts besseres zu tun, als diesen mit den Worten einzuleiten:
„Was lange währt, wird endlich gut.“
Darüber hinaus hatte er sich, im Gegensatz zu allen anderen, die bisher ihr Referat, so, wie es sich gehörte, im Stehen gehalten hatten, auf einem Stuhl hinter dem heiligen Professorentisch niedergelassen und seine sagenumwobenen, einleitenden Worte mit äußerst süffisantem Lächeln und selbstgefälligem Gestus vorgetragen.
Als er dann auch noch anhand einer grafischen Darstellung sinngemäß von sich gab, die Preisvorstellung der Anbieter und diejenige der Konsumenten nähert sich immer mehr an und das alles geht dann so lange im Kreis herum, bis der Marktpreis gefunden worden sei, war das Maß voll.

Der sonst eher zurückhaltende und ruhige Professor wurde puterrot im Gesicht, schrie, wie wir es vorher und nachher nicht mehr von ihm gehört hatten, dass es ja wohl eine Unverschämtheit sei, was sich dieser Herr da vorne erlauben würde, forderte ihn auf, sich unverzüglich von seinem Sitzplatz, der ihm in keiner Weise zustünde, zu erheben und sein Referat in der nächsten Stunde besser vorbereitet und gefälligst im Stehen, so wie alle anderen vor und nach ihm, zu halten. Daraufhin verließ Herr Professor Tür schlagend den Hörsaal und begab sich erneut drei Wochen in den Krankenstand.

Das Thema meines Referats lautete „Das Haavelmo Theorem“. Ich hatte es zusammen mit einer Kommilitonin vorzubereiten, in die ich mich schwerst verliebt hatte, die aber leider schon vergeben war. Weil mir dieser Umstand schmerzlich bewusst wurde, habe ich mich intensiv in die Arbeit gestürzt und dem Autitorium in einem Referat, wie ich selten eins in meinem Leben gehalten habe, mitgeteilt, dass von einer Erhöhung der Staatsausgaben, die voll über zusätzliche Steuern finanziert wird, eine Erhöhung des Gleichgewichtseinkommens ausgeht, die mindestens so groß ist, wie die Erhöhung der Staatsausgaben bzw. der zu ihrer Finanzierung notwendigen Steuererhöhung. Mit anderen Worten, der Staat kann das gesamtwirtschaftliche Einkommen erhöhen, indem er mehr Steuern erhebt und diese Einnahmen sofort wieder vollständig ausgibt.
So sehr unser alter Herr Professor Udo damals abgekanzelt hat, so sehr hat er mich nach meinem Referat gelobt.
Man habe gemerkt, sagte er, dass das Thema nicht nur er- sondern verarbeitet wurde. Diese Worte klingen heute noch äußerst wohltuend in meinen Ohren.

Wer allerdings jetzt glaubt, mit besagtem Theorem die Probleme der derzeit vorherrschenden Finanzkrise erklären, gar bewältigen zu können, dem sei mitgeteilt, dass sich das Theorem auf den Gütermarkt einer stark vereinfachten Volkswirtschaft bezieht und der Geldmarkt im Modell überhaupt nicht berücksichtigt wird.

Udo hat seinen Teil des Referats übrigens nie mehr gehalten. Er hat sich von jenem Tage an seinem bereits damals im Aufbau befindlichen Bestattungsinstitut gewidmet und das Studium irgendwann abgebrochen.

Den Marktpreis für seine Dienstleistung hat Udo mit dem Totschlagsargument gestorben wird immer auch ohne theoretische Herleitung gefunden und die Familie des Herrn Professors hat nach dessen Ableben die Organisation des Begräbnisses in die Hände von Udos Bestattungsinstitut gelegt. Udo hat natürlich kein Wort über die Schmach des verpatzten Referats verloren. Dafür war er zu pietätvoll und zu sehr Profi.
Marktwirtschaftsprofi, versteht sich.

Dieser Artikel erschien am 1. April 2009 auch bei
kolumnen.de


Werte in der Krise

26.03.2009

Die Tür zur Gastwirtschaft geht auf. Eine Frau mit Hund tritt heraus und beobachtet mich, wie ich das Stilleben Pausenbrot vor Sauerbraten, Schäufele und Kabeljau fotografiere und als wir – die Frau und ich – uns austauschen über die heutige Zeit, über die heutige Jugend über die Krise, die offensichtlich keine wirkliche Krise sein kann, wenn Pausenbrote einfach so weggeworfen werden, hat ratzfatz der Hund das Brot aufgefressen.

Also ich sag’ jetzt einfach mal so: der Unterhaltungswert dieser Szene hat den Materialwert der auf den Stufen eines Wirtshauses entsorgten Wurststulle – mit dick Butter drauf – bei weitem übertroffen.


Amen mit T. C. Boyle

25.03.2009

Letzte Woche hat T. C. Boyle in Erlangen aus seinem neuen Roman Die Frauen gelesen. Leider war ich nicht dabei, aber nachdem neulich ein recht launiger Bericht über ihn im Fernsehen zu sehen und ein ausgiebiges Interview mit ihm in der örtlichen Presse abgedruckt war und es noch nicht so lange her ist, dass ich seinen Roman Ein Freund der Erde mit viel Vergnügen gelesen habe, mir also der gute Thomas Coraghessan Boyle in letzter Zeit ständig über den Weg läuft, darf ich an dieser Stelle das Ende dieses Romans nebst köstlichem Schlusssatz erzählen und zitieren:

Die beiden Umweltaktivisten und Hauptpersonen des Romans, Andrea und Ty Tierwater, die sich in eine Hütte im Wald zurückgezogen haben und dort mit dem Fuchs Petunia leben, gehen spazieren und treffen ein Mädchen aus der Nachbarschaft.

„Ihr müsst die neuen Leute hier sein, richtig?“ fragt sie, und sie hat einen Trällerton in der Stimme, der mich siebenunddreißig Jahre in die Vergangenheit trägt.
Andrea schenkt ihr ein Weltklasselächeln. „Wir sind die Tierwaters“, sagt sie. „Ich bin Andrea, und da ist Ty.“
Das Mädchen nickt. Sie betrachtet jetzt Petunia, schürzt die Lippen ein klein wenig. „Ist das nicht ein, wie nennt man die noch, ein Afghane?“
„Genau“, sage ich, „ganz recht, das ist ein Hund.“ Und dann, aus keinem Grund, den ich benennen könnte, sage ich noch, ohne es zu wollen: „Und ich, ich bin ein Mensch.“

T. C. Boyle – Ein Freund der Erde


Blues will eat

24.03.2009

Am vergangenen Samstag habe ich – wie fast jedes Jahr – das Nürnberger Blues-Festival Blues Will Eat besucht. Neben den üblichen Verdächtigen, wie der Gallagher-Erinnerungsband Remember Rory oder Pearl, dem Langzeitexperiment im Dauerbeweinen der viel zu früh verstorbenen Janis Joplin und natürlich vielen bekannten Gesichtern auf und vor den insgesamt drei K4-Bühnen aus dem Umfeld von Vischers Blues Jam, gab es auch zahlreich Neues, Gutes und Sehr Gutes zu entdecken.

Als da beispielsweise wäre: das Gesamtkunstwerk aus München Dr. Will & The Wizzards. Welch eine skurrile Voodoo-Horror-Picture-Gospel-Blues-Show. Dr. Will ist abwechselnd Derwisch, General, Prediger, Schamane, Hutträger. Immer aber ist er Mr. Omnipräsent und schickt seine gewaltige Stimme entweder durchs Mikrofon, durch einen Telefonhörer oder durch ein Megaphon, nach Kräften unterstützt von zwei klasse Gitarristen, einem tätowierten Riesen am Kontrabass und einem herumwirbelnden Drummer, bei dem einem sofort das Tier aus der Muppedshow in den Sinn kommt: „Keine Angst, wir haben ihm die Füße am Boden festgenagelt.“

Ein weiteres Highlight waren für mich The Magictones. Rythm & Blues vom allerfeinsten, dargeboten von einer zehnköpfigen Band, mit vier Bläsern, zwei Gitarristen, Bass, Schlagzeug, Keyboard und Gesang. Es hat wirklich sehr großen Spaß gemacht, diese Truppe einmal in einem großen Saal zu sehen und natürlich zu hören. Messerscharfe Bläsersätze, Soli, Breaks und Endings wie aus dem Großen Lehrbuch für Bigbands und Wende Weigands absolut amtliche R&B-Stimme. Wer die Augen geschlossen hat, bekam Sonnenbrille und schwarzen Hut nicht mehr aus seinem Kopf.

Mein persönliches Highlight allerdings fand im Hinterzimmer des K4 statt. Eine Band, die mir auf der Demo-CD des Festivals durch schöne melodische Countrybluesklänge aufgefallen war: das Dennis Schütze Trio.


Tommi Tucker, Dennis Schütze, Jochen Volpert

Bass, Western- und E-Gitarre, sowie Gesang, mehr braucht es nicht, um gute Musik zu machen. Dennis Schütze hat eine wunderbare Stimme, spielt selbst die akustische Gitarre und wird kongenial begleitet von Jochen Volpert an der E-Gitarre und Tommi Tucker am Kontrabass.
Die Lieder sind fast alle selbst komponiert, hervorragend arrangiert und wenn die Jungs in der Zugabe auf Hey Joe von Jimi Hendrix zurückgreifen, bekommt man eine herrliche Ballade zu hören, die vielleicht auch als kleine Reminiszenz an Joe Strummer verstanden sein könnte, denn Jochen Volpert spielt eine Joe-Strummer-Signature-Telecaster, die auch jenseits von London Calling einen herrlichen Ton abgibt.

Nette Geschichte am Rande:
Die junge Frau, die mir einen Platz freigehalten hatte, als ich mir ein Bier geholt habe und so freundlich war, mir einige Bilder vom Gig zu schicken, war offensichtlich die Freundin von Bassist Tommi Tucker. Danke noch einmal an dieser Stelle und dem Dennis Schütz Trio weiterhin viel Erfolg. Ich freue mich schon aufs Bardentreffen im Sommer. Dort sind die drei wieder zu hören. Wer die Gelegenheit hat, sollte sich das nicht entgehen lassen.

Alles in Allem war Blues Will Eat 2009 wieder ein äußerst gelungenes Festival und es bleibt zu hoffen, dass diese Konzertreihe, in der sehr viel Herzblut und persönliches Engagement der Veranstalter steckt, noch recht lange weiter geht, auch wenn in diesem Jahr nur auf drei, statt wie sonst, auf vier Bühnen gespielt wurde und die Besucherzahl nach meiner Beobachtung etwas zurückgegangen ist.

Dieser Artikel erschien am 2. April 2009 auch bei den
musikspionen.


jetzt: Zeitgeist auf dem Klo

19.03.2009

Erinnert sich noch jemand an jetzt, die Beilage der Süddeutschen Zeitung?
1994 wurde sie eingeführt und 2002 wieder eingestellt. Inzwischen gibt es dieses kleine, witzige Magazin nur noch online. Bei uns zu Hause auf dem Klo allerdings liegt seit vielen Jahren eine alte, gedruckte jetzt-Ausgabe: Nr. 41 – Das Tagebuchheft.

Vom 20. bis zum 26. September schrieben 17 Autoren bei jetzt auf, was sie in dieser Woche erlebt und gedacht haben. Zu Hause, bei der Arbeit, in der Schule, unterwegs auf Reisen. Manche der Autoren haben schon in den vergangenen Jahren für das jetzt-Tagebuch geschrieben, andere sind hinzugekommen, unter ihnen Smudo und Christian Ulmen. Auch wenn jeder der Autoren auf seine eigene Weise aufschrieb, was ihn beschäftigte, beantworten alle 17 Tagebücher doch die gleiche Frage: Wie geht es uns jetzt, im Herbst ‘99?

Es ist immer wieder äußerst erbaulich, wenn man der Notdurft gehorchend auf der Schüssel hockt und ein wenig in dieser, inzwischen reichlich zerlesenen und vergilbten Zeitschrift blättert. Allerliebst, die jungen Gesichter vom phantastischen Smudo, dem milchbärtigen Christian Ulmen, Benjamin von und zu Pop-Poet Stuckrad-Barre und dem Gott unter den Kolumnisten: Max Goldt.

Von ihm stammt der köstlichste Tagebucheintrag, den die Liebste und ich immer wieder einmal lesen. Er beginnt mit den Worten: Der Freund, der mich seit kurzem scherzhaft Bolko nennt, weil ich ihn seit kurzem spaßeshalber Bronko nenne … und endet mit dem Satz: Was für ein Bild: Die ganze Würzburger Innenstadt voll mit wurstessenden Feiheitsstatuen.
Zwischen diesen Sätzen hat Goldt eine schöne, schräge Story gebastelt über Feld- und Goldhamster, Rinderherden und Großtrappen, über Goldschmiede, Harfenisten und Lyriker, über den Würzburger Stadtteil Heuchelhof und den ordnungsgemäßen Gebrauch einer Grillfackel.
Wenn es aus unserem Klo herauskichert, dann liest garantiert jemand gerade diese Geschichte.

Ziemlich amüsant ist es auch, die inzwischen etwas angestaubten Werbanzeigen zu lesen, sei es, weil deren Inhalt sich über die Jahre ordentlich überholt hat (WEB.DE beispielsweise wirbt mit sagenhaften 8 MB Speicherplatz), oder weil die Art des Textens in den letzten zehn Jahren etwas, wie soll ich sagen, schmissiger geworden ist – sperrige Texte wie: Ein Füller von Sheaffer ist in den USA ein echtes Statussymbol. Der Schriftsteller Arthur Miller, zum Beispiel, hat zwar gerne auf seiner Schreibmaschine geschrieben – seine persönlichen Briefe hat er jedoch niemals ohne seinen Sheaffer verfasst … wird man heutzutage – noch dazu in einem Jugendmagazin – wohl kaum mehr finden.

Ja und dann – ungefähr in der Mitte des Heftchens – diese Anzeige:

VERMISST – SEIT 1994

Seit dem 21. Oktober 1994 werden die drei Studenten Heather Donahue, Joshua Leonard und Michael Williams vermisst. Sie planten, in dem Wald von Burkittsville einen Dokumentarfilm über die Hexe von Blair zu drehen. Man hörte nie wieder von ihnen.
Das Filmmaterial, das die 5-tägige Wanderung der drei Studenten dokumentiert und die entsetzlichen Ereignisse, die zu ihrem Verschwinden führten, festhält, wurde erst ein Jahr später gefunden.

Das Blair Witch Project. Heute noch läuft mir ein Schauer über den Rücken, wenn ich an diesen Film denke. Wunderbar eingefädelt und angezettelt von den beiden Filmstudenten Daniel Myrick und Eduardo Sanchez, die damals die Möglichkeiten des noch jungen Internet erkannten und voll ausgenutzt haben. 60.000 Dollar Produktionskosten standen am Ende fast 250 Millionen Dollar Gesamteinnahmen gegenüber. Welch ein Coup!

Tja, und wie ging es uns damals, im Herbst ‘99?
Wer das wissen will, der muss uns besuchen. jetzt Nr. 41 – Das Tagebuchheft liegt immer noch auf unserem Klo aus.
Nach der Lektüre, lüften nicht vergessen!


Mick Taylor im Hirsch

18.03.2009

Also Vorschusslorbeeren gab’s genug, in der örtlichen Presse, im Internet und im Radio für Mick Taylor und seine British Allstar Band, die gestern im Musikclub Hirsch aufgetreten sind. Vom filigransten Bluesrock-Gitarristen der Musikgeschichte war da die Rede, von einem Bluesgitarristen mit dem Gespür eines Jazzmusikers für melodische Erfindungen. Ich war gespannt.

Mick legte los, wie ein Blueser eben so loslegt, indem er ein paar betröppelte Licks spielte, die Saiten dehnte, am Amp rumfummelte und ansatzlos ins erste Lied wechselte, allerdings nicht ohne sich ein paar mal ordentlich zu verhauen. British Allstars klingt wie ein Basketball-Team, scherzte er schließlich, ansonsten hat man nicht viel von dem verstanden, was der einstige Stones-Gitarrist so in den Liedpausen erzählt hat, wenngleich es nicht viele davon gab – Liedpausen meine ich – denn bis Mick mit seinen Soli durch war, gingen schon einmal zehn bis fünfzehn Minütchen ins Land.
Aus den Minütchen wurden dann allerdings das eine ums andere Mal recht qualvolle Minuten. Ich habe, ehrlich gesagt, schon wesentlich besseres von weitaus weniger vorschussbelorbeerten Gitarristen gehört. Irgendwie klang das alles reichlich uninspiriert, teilweise verpeilt und in einigen Fällen schlicht und ergreifend falsch.
Eine schöne Gesangsstimme hat er ja, der alte Mick, das darf man ihm wahrlich nicht absprechen und der Sound im Hirschen war auch schon mal schlechter, aber sein Gitarrenspiel hat mich absolut nicht überzeugt.
Sideman Denny Newman gefiel mir wesentlich besser, wenngleich dieser, bis auf eine Ausnahme, bei der er ein mitreißendes Reggaestück von der eigenen CD präsentieren durfte, natürlich hinter seinem Chef zurückstehen musste.

Wirklich klasse war der Rest der Band, vor allem der Dicke am Klavier, Max Middleton. Er war nicht nur der bestangezogenste Musiker an diesem Abend, er war auch der absolut coolste. Vor ein paar Jahren habe ich ihn schon einmal mit Snowy White auf einem Bluesfestival gesehen. Der Mann ruht in sich selbst und entlockt seinem E-Piano die Töne, die ich noch am ehesten mit Gespür eines Jazzmusikers für melodische Erfindungen in Verbindung gebracht hätte.

Es passiert wirklich nicht oft, dass ich ein Blueskonzert vor dem letzten Ton der letzten Zugabe verlasse. Zum letzten Mal habe ich das bei dem unsäglichen Auftritt von Johnny Winter getan. Gestern auch. Ein gutes Gitarrensolo, vor allem im Blues, lebt von der Variation und nicht von der Wiederholung. Als Taylor im letzten Lied vor der Zugabe eine Figur nahezu ohne erkennbare Abwandlungen zum fünften Mal in Folge ableierte, bin ich gegangen.
Bleibt zu hoffen, dass Mr. Taylor gestern nur einen schlechten Tag hatte, denn dass er es nicht anders und besser kann, das glaube ich eigentlich nicht.


Ein typischer Sonntag – mit Schafen

16.03.2009

Wie beginnt ein typischer Sonntag?
Genau: mit der Sendung mit der Maus. Vorher natürlich Brötchen holen beim Müllersbäck, der an Sonntagen bis abends um 18:00 Uhr geöffnet hat, weil er nebenbei noch ein Café betreibt und man es sich deshalb erlauben kann, etwas später aufzustehen, um dann mit frischem Backwerk pünktlich um 11:30 Uhr vor dem Fernseher zu hocken und zu frühstücken.
Zwar hat mich an der Sendung mit der Maus bisher immer dieser unsägliche Käpt’n Blaubär gestört, mit seinen hanebüchenen Lügengeschichten, aber zum Glück haben ihn die Mausmacher ja inzwischen aus der Sendung genommen und durch ein nicht besonders braves Schaf ersetzt.
Shaun, das Schaf. Für mich gibt es kaum eine witzigere Sendung. Ich liebe es, wenn Shaun ohne viel Federlesens Herr der Lage wird und bleibt, entweder mit Unterstützung des allzu menschlichen Hütehundes, auch oder gerade, wenn dieser ab und zu in sein typisches Hundeverhalten zurückfällt, aber stets mit den Widrigkeiten des Schaf- und Herdenlebens kämpfend. Sei es, weil das dicke Schaf wieder einmal alles frisst, was ihm über den Weg läuft, oder die benachbarte Schweinehorde ihrem Namen alle Ehre macht, oder der Bauer ein neues Spielzeug gekauft hat, das den Bauernhof im Allgemeinen und die Schafherde im Besonderen bedroht, oder weil Außerirdische, Touristen, Postboten, Busfahrer oder Hündinnen, in die sich besagter Hütehund verliebt, das beschauliche Leben einer englischen Stop-Motion-Schafherde aufs empfindlichste stören.

Wie geht ein typischer Sonntag weiter?
Genau: mit einem Spaziergang nach dem Frühstück. Vor allem jetzt, da der Frühling erwacht, das erste zarte Grün sprießt, der Wind Blütenstaubschwaden aus den Hecken bläst und scheue Rehe auf den Wiesen vor dem Waldrand herumlungern.
In dem Zusammenhang fiel der Liebsten und mir beim gestrigen Sonntagsspaziergang auf, dass ein paar versprengte Schafe auf einer Wiese grasten, was zunächst gar nicht weiter erwähnenswert wäre, hätte sich nicht auf unserem Nachhauseweg herausgestellt, dass besagte Kleinstherde nicht eingezäunt und der in den Ort führenden Straße bedenklich nahe gekommen war, was wiederum ob der zahlreich mit Knödel und Braten abgefütterten Gastwirtschaftsbesucher, die mit ihren soeben erworbenen Kleinwagen nach Hause drängten, um sich dem Mittagsschlaf hinzugeben, erhebliches Kollisionspotenzial barg.

Innenminister Wolfgang Schäuble drängte sich in unser Bewusstsein, verlangt er doch aus gegebenem Anlass eine Kultur des Hinsehens und des Handelns, sollten sich in unmittelbarer, sprich nachbarlicher Umgebung Missstände auftun und Ungemach, gar Unglück anbahnen.
Da weder die Liebste noch ich wussten, wem die acht Schafe nebst Lamm gehören, riefen wir die Polizei. EinsEinsNull – kurze Schilderung des Sachverhalts und die Zusicherung, am Tatort zu verharren, bis die Streife eintrifft.
Natürlich begann es kurz nach dem Telefonat zu regnen, aber im beruhigenden Wissen, seiner Bürgerpflicht nachgekommen zu sein, steht man ja gerne mal wie ein begossener Pudel da.
Nach zehn Minuten traf das Spezialeinsatzkommando Schaf ein. Ob wir denn wüssten, wem die Schafe gehören, wollte die Polizisten wissen. Wir verneinten und verkniffen uns dumme Bemerkungen. Dann versicherten uns die Beamtin und ihr Kollege, sich um die Sache zu kümmern und wir durften nach Hause ins Warme und Trockene.

Wie endet ein typischer Sonntag?
Genau: mit einem Nickerchen auf der Couch – Schäfchen zählen.

Als ich heute morgen zur Arbeit fuhr, grasten Shaun und seine Freunde an der gleichen Stelle wie gestern. Eingezäunt waren sie nicht. Auch ein Hund oder gar ein Schäfer waren nirgends zu sehen.
Nein, nochmal ruf’ ich die Bullen nicht an. In einem Dorf ist man ganz schnell als Petze verschrieen. Ganz schnell!

Dieser Artikel erschien am 22. März 2009 auch bei
kolumnen.de


Testosteron

12.03.2009

Gibt es eigentlich viele Amokläuferinnen? Oder Counterstrike-Spielerinnen? Wieviele Soldatinnen gibt es, wieviele Horrovideo-Konsumentinnen? Gibt es Messerstecherinnen oder Vergewaltigerinnen?
Blöde Fragen. Schlimme Zeiten. Aber machen wir uns nichts vor: Amok laufen, Gewaltspiele datteln, in den Krieg ziehen, Horrorvideos schauen, Messer stechen, vergewaltigen, das alles sind nahezu ausschließlich männliche Betätigungsfelder. Und jetzt mal ehrlich, meine Herren: jeder von uns hat in Gedanken doch schon mehr als ein Mal den einen oder anderen um die Ecke gebracht. Vielleicht nicht gerade mit einem Küchen- oder Tapetenmesser, aber wenn da eine handliche Beretta im väterlichen Nachtkästchen gelegen hätte, womöglich noch mit ausreichend Munition?

Ich fürchte, mit jungen Männern und dem Gefahrenpotenzial, das unweigerlich von ihnen ausgeht, werden wir auch in Zukunft leben (müssen). Amoklaufen – ein feiner Modesport dieser Tage. Gestern gleich zwei. Sweet Home Alabama und Where The Fuck Is Winnenden. Seit gestern wissen wir wo Winnenden liegt. Ganz genau wissen wir das. Der junge Mann hat tags zuvor prophezeit: Merkt euch nur den Name des Orts. Mensch und wir dachten schon, das wäre jetzt einer, der durch’s Raster gefallen ist, weil er so auffällig unauffällig war und sich nicht an die Regel gehalten hatte, seine Tat im Internet anzukündigen. Hat er aber doch, wie sich heute herausgestellt hat – braver Junge.

Keine Angst, ich trolle nur, hat er dann aber noch vorsichtshalber geschrieben und damit gemeint, dass er es nicht ernst meint. Gelogen, wie wir inzwischen wissen. Ein Offliner versteht so etwas überhaupt nicht und da fängt meiner Meinung nach das Problem an. Diejenigen, die ab und zu ein Auge auf junge Männer werfen sollten, weil sie nämlich ihre Väter oder deren Lehrer sind, sind offline. Sie haben keine Ahnung von dem WeltWeitNetzDingsBums da draußen und von Counterstrike und Ego Shooter und Second Live, Chat, Twitter und Blogs und wollen davon auch gar keine Ahnung haben. Tischtennis- und Schützenverein müssen ausreichen, denn mehr gibt die Vorstellungskraft für sinnvolle Freizeitbeschäftigung nicht her.
Sie schütteln lieber den Kopf und stellen sich die Frage: In welcher Welt leben wir eigentlich. Aber diese Frage dürfen sie sich getrost schenken und zwar nicht nur deshalb, weil es noch keine siebzig Jahre her ist, als Gewalt nicht als Spiel auf dem Computer ausgetragen wurde und nur ab und an zu einem kleinen Amoklauf ausartete – was beileibe nicht nur daran lag, dass es damals noch keine Computer gab.

Junge Männer: die gefährlichste Spezies der Welt, das war mal der Titel einer Spiegel-Ausgabe. Seit gestern wissen wir wieder, warum.

Nachfolgend ein paar Beiträge zu dem Thema aus Großbloggersdorf, auf die ich an dieser Stelle verweisen darf:


Krise hilf!

11.03.2009

Ach ja, manchmal glaube ich, eine Volkswirtschaft, deren Marktteilnehmer es für notwendig erachten, Slogans aus der Brachialabteilung einer Werbeagentur vom Rande der Stadt in ihre Schaufenster zu pappen, hat es nicht anders verdient, als dieser Tage im Orkus der Geschichte zu verschwinden.


MASH unplugged

10.03.2009

Gestern gab es eine Bandprobe der etwas anderen Art. Ingo hatte vor ein paar Wochen ein Kinderschlagzeug angeschleppt, das seither zerlegt im Proberaum herumlag.

Nachdem die Band gestern ziemlich unvollständig war und Ingo sich eine gute Stunde verspätet hatte, habe ich das Kleinstschlagwerk kurzerhand zusammengebaut und ob der Lautstärke der letzten Probe hart an der Schmerzgrenze, gab es gestern eine lustige, kleine Unplugged-Session.
Die Bewerbung bei MTV läuft.

MASH Unplugged