Mein alter Herr. In letzter Zeit denke ich oft an ihn. Öfter als früher, viel öfter. Er ist inzwischen sehr alt und doch kommt er mir hellwach vor. Er weiß, es kann jetzt alles sehr schnell gehen und er will vorbereitet sein. Darauf, wenn es ihm plötzlich schlecht geht, oder meiner Mutter, die sich partout nicht mit ihrer neuen Hüfte anfreunden will und auf den Rollator und die Krücken und die Rückenschmerzen schimpft. Ja oder wenn sie vielleicht sogar vor ihm stirbt, obwohl sie sechs Jahre jünger ist. Alles kann geschehen in der nächsten Zeit. Mein Vater liegt auf der Lauer. Er ist gewappnet.
Seit dem ich mir solche Gedanken mache, bewundere ich ihn. Jetzt erst sehe ich, wie wohl er alles organisiert, wie er sich, sein Leben und die Zeit strukturiert, wie die Zeit, die eigentlich sein Feind sein müsste, zu seinem Freund geworden ist, wie gut er Bescheid weiß über das Leben, wie bescheiden er dabei ist und wieviel Respekt er vor allem hat.
Allerdings sind jene Bescheidenheit und jener Respekt wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass mein Vater und ich nie richtig zueinander gefunden haben. Als ich gestern spazieren ging, ist mir dieser Umstand an einer ganz banalen Begebenheit, die ich gedanklich noch etwas weiter gesponnen habe, klar geworden:
Ich habe ein gebrauchtes Papiertaschentuch in eine Papiertonne geworfen, die noch am Bürgersteig stand, nachdem die Müllabfuhr gerade durch war. Ich malte mir aus, was geschehen würde, käme in diesem Augenblick der Besitzer der Tonne und würde lauthals fordern, das Papiertaschentuch sofort wieder aus dieser, seiner Tonne zu entfernen. Ich würde ihn einen verdammten Spießer rauf und runter heißen, mir heimlich einen Spaß daraus machen, mich ordentlich mit ihm zu zoffen, dann mit gestrecktem Mittelfinger einfach meiner Wege gehen, und ihn mit meinem Papiertaschentuch in seiner Tonne einfach stehen lassen.
Einmal abgesehen davon, dass es meinem Vater niemals in den Sinn käme, etwas in eine fremde Papiertonne zu werfen, hätte er sich, wenn er es doch getan hätte (sei es aus Unachtsamkeit oder aus einem plötzlichen subversiven Anfall heraus), höchstwahrscheinlich bei dem Mann entschuldigt und das Taschentuch selbstverständlich aus der Tonne genommen.
Wie gesagt, mein Vater hätte es gar nicht so weit kommen lassen. Aber wenn doch, würde er alles wieder gut gemacht haben. Sofort, auf der Stelle, bedingungslos und ohne zu zögern.
In diesem Kontext hat mein Vater sein Leben eingerichtet. Immer korrekt, immer unauffällig, immer darauf bedacht, sich dem Unausweichlichen, der Obrigkeit, dem vermeintlich Stärkeren, der Macht zu fügen. Die Macht kann dabei ein Amt sein, oder die Krankenkasse, oder ein Nachbar oder ein Papiertonnenbesitzer, der auf das Recht seiner Papiertonne auf Unversehrtheit vor Fremdbenutzung pocht.
Ich täte meinem Vater natürlich unrecht, würde ich seine Lebenseinstellung auf diesen Umstand reduzieren, aber wenn ich mir die Reibungs- und Streitpunkte der letzten Zeit ins Gedächtnis rufe, lief es fast immer auf solche Konflikte hinaus: Vater hatte schon längst aufgegeben, während ich gerade mal warmgelaufen war.
Ich liebe zum Beispiel Telefonate mit Behörden, bei denen ich den Satz sagen kann. Liebe Frau Müller, ich habe keine Lust mehr, mich mit Ihnen zu streiten. Sagen Sie mir, wie Ihr Vorgesetzter heißt und verbinden Sie mich mit ihm. Das wirkt fast immer. Die störrischsten Beamten, die widerlichsten Call-Center-Agents, die hartnäckigsten Versicherungsfritzen werden plötzlich handzahm. Forderungen die bis zu diesem Satz als absolut chancenlos abgetan wurden, werden plötzlich und unerwartet auf Kulanzbasis verhandel- und einlösbar.
Wenn ich meinem Vater stolz von solchen Erfolgen berichte, wiegelt er ab und sagt: Naja, so wichtig war die Sache nun auch wieder nicht.
Mein Vater hat andere Hobbies. Er spielt zum Beispiel gerne Schach. Ich nicht.
Verfasst von axeage
Verfasst von axeage
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Der allenthalben zu vernehmenden Forderung Jump! You Fuckers! konnte und wollte ich nicht nachkommen, zumal sogar die Liebste davon Abstand genommen hatte, derartiges von mir zu vorlangen, obwohl ein Teil des verspekulierten Geldes das ihre war.


