Hinter den Vorhängen

30.04.2008

Geballte Ladung: Seit ein paar Tagen immer unsäglichere Horrordetails aus Österreich. Presse, Fernsehen, Internet, kein Medium lässt einen damit in Ruhe. Immer mehr Bilder, Berichte und Details von engen Kellergängen, vom Verlies, von einem Haus, das von außen aussieht, wie ein Gefängnis und von der Hackfresse dieses alten, geilen Bocks, dem man sofort und ohne Zögern all die berichteten Schandtaten zutraut.

Am Wochenende bei einer Familienfeier. Ich hatte ein Gespräch mit einer Bekannten. Sie berichtete von Ihrem Bruder, der sich vor ein paar Jahren aus heiterem Himmel per E-Mail den Umgang mit ihr und ihrer Familie verboten hat. In einem klärenden Gespräch, das die Schwester zusammen mit ihrem Mann ein paar Tage später beim Bruder forderte, präsentierte dieser ein schwarzes Buch, in dem alle „Sünden“ aufgeführt waren, derer sich die Schwester und ihr Mann über die Jahre „schuldig“ gemacht hatten. Durch die Bank Belanglosigkeiten und Vorkommnisse, die kaum der Rede wert waren und die jeder normale Mensch ganz schnell wieder vergessen (und vergeben) hätte. Aber für den Bruder war das Maß voll. Er brach vollständig mit der Schwester und hat diese Show inzwischen mit beinahe sämtlichen Freunden und Nachbarn durchgezogen. Die junge Familie lebt seither weitgehend isoliert. Tolle Aussichten für den Sohn, der inzwischen aufgegeben hat zu fragen, warum niemand mehr zu Besuch kommt und warum es keine Freunde mehr gibt.

… und bei Julie Paradise lese ich das hier.

Blicke hinter die Vorhänge. Was ist eigentlich los da draußen?


Taubencontent

29.04.2008

Erste (wahrnehmbare) Sonnenstrahlen in diesem Jahr. Bürofenster aufgerissen – der Frühling soll gefälligst reinkommen.
Kaum zehn Minuten offen, fliegt eine an beiden Beinen beringte Brieftaube herein und setzt sich auf den erstbesten Bildschirm. Schönes Vieh. Grau, mit bunt schimmernden Federn an der Seite.
Charly, unser Systemadministrator scheint sich auszukennen mit Brieftauben.
„Die ist auf der Reise, müde und hungrig“, ist er überzeugt und bricht von seiner Frühstückssemmel ein paar Krumen ab, um sie ihr hinzulegen. Dann füllt er etwas Wasser in einen Behälter, der normalerweise Büromaterial beinhaltet. Doch die Taube schaut nur verwirrt und will von alldem nichts wissen. Unser Auszubildender, der mich immerzu siezt, obwohl ich ihm schon mehr als ein Mal das „Du“ angeboten habe und den ich seither auch sieze, meint:
„Ratten der Lüfte. Die Viecher tragen mehr Viren und Bakterien mit sich herum, als Ratten. Pfui Deibel“.
Er klatscht in die Hände, was die Taube dazu veranlasst, hinter den Lamellen zu verschwinden, die unsere Fenster seit neuestem zieren und das Büro aussehen lassen, wie Zahnarztpraxis oder Anwaltskanzlei.
„Was machen Sie denn da“, herrsche ich den „Du-Verweigerer“ an, der mich daraufhin unverwandt ansieht. Die Taube hockt auf dem Fensterbrett hinter den Lamellen und ist noch verwirrter als vorher. Als ich mich ihr nähere, versucht sie durchs geschlossene Fenster zu fliehen. Klappt natürlich nicht. Also fasse ich mir ein Herz und nehme das völlig viren- und bakterienverseuchte Tier in beide Hände. Mein Griff ist so gelungen, dass ich die Enden ihrer Flügel sanft einklemme und sie nicht flattern kann. Charlie und Lehrling sind schwer beeindruckt. Das Herz der Taube schlägt schnell. Sie macht unwillige Geräusche. Ich gehe zum offenen Fenster und lass’ sie fliegen. Schönes Gefühl. Sie segelt zum gegenüberliegenden Bankgebäude und will auf dem Balkon landen, doch der ist mit einem Netz geschützt. Tauben sind hier offensichtlich noch weniger willkommen, als bei uns im Büro. Stattdessen hockt sie sich mitten auf die Straße und weicht den ganzen Tag den vorbeifahrenden Autos aus. Immer wieder gehe ich ans Fenster und beobachte, wie sie vom einen Ende der Straße zum anderen läuft, oder sich unter einem Auto ausruht. Als ich am Abend nach Hause gehe, ist sie weg. Ob sie ihr Ziel erreicht hat? Irgendwie hätte ich das schon gerne gewusst.


Tage wie diese

25.04.2008

Wenn der April ins Land zieht, vor allem, wenn er es so tut, wie in diesem Jahr, mit ständig wechselndem Wetter, bei dem man in der einen Stunde meint, die Welt geht unter und in der nächsten die Sonne so hell scheint, wie sie es vorher noch niemals getan hat, dann kommt mir das immer vor wie der Kampf der Elemente um die Vorherrschaft im noch jungen Jahr. Jetzt wird entschieden, ob es ein wildes, stürmisches und insgesamt dunkles oder ein harmonisches, helles Jahr wird.
Erstaunlich, wie allein das Licht auf die eigene Gemütslage wirkt und man entsprechend positiv gestimmt ist, sobald die Sonne scheint oder es auf die Stimmung drückt, dann, wenn es draußen dunkel und regnerisch ist.

Nächste Woche stehen zwei Gigs an. Beide unter freiem Himmel. Am Mittwoch spielen wir bei der LIVE-MUSIK-NACHT Nachtgieger im Innenhof einer schönen, alten Kneipe. Das wird dann, wenn es warm und trocken ist, bestimmt ein herrlicher Abend, aber sollte es regnen, stelle ich mir das Ganze höchst ungemütlich vor.
Tags drauf gibt es ein Vatertags-Open-Air bei dem wir am Nachmittag (hoffentlich mit Sonnenbrille und T-Shirt) aufspielen. In den letzten Jahren hatten die Veranstalter diesbezüglich ordentlich Pech und es hat nur geschüttet. Jetzt gibt es bereits Überlegungen, bei Dauerregen den Samstag als Veranstaltungstag ins Auge zu fassen. Gefiele mir ehrlich gesagt nicht so ganz gut, weil ich am Samstag eigentlich schon andere Pläne habe.
Sei’s drum, wie es kommt, ist es gut.
Erstaunlich, ein solches Urteil hätte ich noch vor wenigen Jahren niemals zugelassen. Aber die Erfahrung lehrt, dass Ereignisse, auf die man hinplant zu dem Zeitpunkt, an dem sie dann tatsächlich stattfinden eine Eigendynamik entwickeln, die man im Vorfeld sowieso völlig anders eingeschätzt hat.
Meine Oma, die für die meisten Lebenssituationen gern ein Sprichwort parat hatte, hätte in dem Zusammenhang wahrscheinlich gesagt: „Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist“.
Naja, ganz so möchte ich meinen Sinneswandel dann doch nicht verstanden wissen. Eher in dem Sinne: „Glücklich ist, wer akzeptiert, wie es schließlich kommen wird“, oder so ähnlich …

Tage wie diese sind jedenfalls lehrreich und heilsam zugleich, weil sie im Kleinen zeigen, was im Großen geschieht: Veränderung und Anpassung entstehen aus Unsicherheit und nicht aus Kalkül. Das Leben ist ein Provisorium, das darf man nicht vergessen.


Zur Wochenwende folgt wie stets …

21.04.2008

… das Wochenende, schnell vergeht’s.

Kaum herbeigesehnt, ist es auch schon wieder vorbei.
Übrigens, den kleinen Vers hat vor Jahren einmal mein damaliger Arbeits- und jetziger Bandkollege Martin gereimt und ist seither in meinem unmittelbaren Umfeld die Standardgrußformel, wenn es darum geht, sich ins Wochenende zu verabschieden.

Das vergangene Wochenende war geprägt von Sauwetter am Samstag, dem Sieg der (verhassten) Bayern im DFB-Pokalfinale, einem Kochevent, das die Liebste mit Partnerin anlässlich einer Taufe veranstaltet hat, einer äußerst mäßigen Golfrunde am Sonntag, (bei allerdings auch wesentlich besserem Wetter) und einer netten Internetbekanntschaft mit anschließendem E-Mail-Wechsel (sagt man so?).

Soweit so aufregend, wovon ich aber eigentlich berichten möchte, ist ein Ereignis, dessen Reiz und Einmaligkeit ich erst in den letzten Wochen kennen und schätzen gelernt habe: Einkaufen auf dem Land, am Samstag nach 18:00 Uhr.

Weil das Pokalfinale anstand und die Mädels über ihrer Kocherei für die Taufe ganz vergessen hatten, etwas zu fürs eigene Abendessen vorzubereiten, kamen wir überein, es soll Pizza geben. Nein, keine vom Italiener und auch keine aus der Tiefkühltruhe, sondern eine selbstgemachte sollte es sein. Allerdings gebrach es an den notwendigen Zutaten, also stieg ich bei Regen und Wind ins Auto und fuhr in die nahegelegene Ortschaft, um gegen 18:15 Uhr im letzten noch offenen Supermarkt einzukaufen.

Schon als ich das Auto auf dem kaum besetzten Parkplatz abgestellt habe, durchdrang mich eine innere Ruhe, wie ich sie eigentlich nur dann erlebe, wenn mich nach dem Abendessen in meinen Fernsehsessel fallen lasse und mir Andrea Meier die (Kultur)welt erklärt. Bereits auf der Fahrt hierher sind mir nur wenige Menschen begegnet und auch hier herrscht entspannte Lässigkeit, zelebriert von Hundeausführern, Abendspaziergängern und Einkäufern, denen zu spät eingefallen ist, Pizza zu backen.

Im Supermarkt selbst setzt sich dieser Eindruck fort. Die hier einkaufen haben alle Zeit der Welt. Ihr Outfit kümmert niemanden. Das bevorzugte Beinkleid ist die ausgebeulte Jogginghose, Schuhe werden nur in Ausnahmefällen getragen – die Füße stecken in Pantoffeln oder Birkenstöcken. Die Obst- und Gemüseabteilung ist leergekauft, aber über das wenige, das es noch gibt, freut man sich mehr, als wenn unter der Woche die Regale zu bersten drohen und die satten Farben einen fast erblinden lassen. Auch die Geschwindigkeit ist merklich herabgesetzt. Am Samstag nach 18:00 Uhr wird in Supermärkten nicht durch die Flure gehetzt, weil man nach Hause und der Familie ein Abendessen auf den Tisch zaubern muss. Zu dieser Zeit darf man sich langsam und beschaulich auch einmal für Angebote interessieren, für die man unter der Woche nicht einmal einen Blick übrig hätte. Selbst die Kassiererinnen an den Kassen sind gelassen und agieren nicht, als forderten sie zum Duell.

Auf der Heimfahrt rief mich die Liebste auf dem Handy an, wo ich denn bliebe. Ich konnte es ihr gar nicht so rechtschaffen erklären.


Verfremdlich 02 – Pit Stop in Capetown

19.04.2008

In loser Reihenfolge gibt’s hier verfremdete (manchmal auch befremdliche) Bilder.
Heute: Pit Stop in Capetown.

Pit Stop in Capetown

Das Bild entstand bei unserem Südafrikaurlaub im September 2007 in Kapstadt. Die Liebste hatte mir zum Geburtstag für ein paar Tage ein Mietmotorrad geschenkt. Ich gestehe, ich hatte im Vorfeld ein wenig Schiss. So eine Riesenmaschine (BMW R 1200 GS) und dann noch auf der falschen Fahrbahnseite. Aber es hat alles wunderbar geklappt und riesigen Spaß gemacht!


Going Home – Teil 4

18.04.2008

Going Home

Bis der Joint zu wirken beginnt, sind einige tausend Menschen an den dreien vorbeigezogen. Harry drängt zum Aufbruch. Das Wetter weiß nicht, was es will. Es sind nur noch ein paar hundert Meter bis zum Zaun, der inzwischen fast vollständig niedergetreten ist.
Als die drei endlich auf dem offiziellen Festivalgelände sind, treffen sie tatsächlich auf Max und Stan.
„Wo bleibt ihr Freaks?“, fragt Stan, der kaum noch stehen kann, so benebelt ist er.
„… und Du, Prinzessin. Wie geht’s dem Kleinen“. Er deutet auf Daggys Bauch und kichert.
Daggy ist jetzt, nachdem sie quasi am Ziel sind und der Dope seine Wirkung tut, etwas besser drauf. Sie streichelt zärtlich ihren Bauch und lächelt Stan verträumt an.
„Schläft selig. Wird Zeit, dass er ordentliche Musik zu hören bekommt.“
„… oder Sie. Vielleicht ist wird es ja auch ein Mädchen“, mischt sich John ein und zieht Daggy mit sich. Er mag nicht, wenn sie stoned ist und zu flirten beginnt.

Max, der am Boden hockt und die ganze Zeit von einem zum anderen geblickt hat, fordert Stan und Harry auf, sich zu ihm zu setzen.
„Wir haben schon gar nicht mehr mit Euch gerechnet“, gesteht er und klopft Harry auf die Schultern.
„Das sind bestimmt mehr als eine halbe Millionen Leute hier. Wetten!“
Harry nickt zustimmend und blickt John und Daggy hinterher, die den Weg zum letzten Hügel nehmen. Nach diesem Hügel muss die Bühne bereits zu sehen sein. Die Festivaldurchsagen sind jetzt laut und deutlich zu hören. Immer wieder steuern Hubschrauber das Gelände hinter diesem Hügel an.
Als Harry, Stan und Max sich aufmachen, diesen letzten Hügel zu erklimmen, hat die Pilgermenge Daggy und John bereits verschluckt.
Oben angekommen, sind dann aber doch alle fünf wieder zusammen. Was sie sehen, können sie kaum glauben. Am Fuße des Hügels die Bühne. Davor Menschenmassen. Es sieht aus wie eine halbe Millionen Menschen. Es ist eine Bühne für eine halbe Millionen Menschen. Es sind Lautsprecher- und Beleuchtungstürme für eine halbe Millionen Menschen.
„Mindestens eine halbe Millionen“ schwärmt Max noch einmal. Daggy setzt sich und hat Tränen in den Augen.
„Das haut mich um“, sagt sie und all diejenigen, die in diesem Augenblick die Kuppe des Hügels erreichen, die Bühne, das Gelände und die vielen Menschen zum ersten Mal sehen, haben die gleichen Gedanken: einerseits dieser überwältigende visuelle Eindruck, andererseits Panik, keinen geeigneten Platz zu finden, nicht ordentlich die Bühne zu sehen, nichts oder nur wenig zu hören, oder wenn es regnet, völlig abzusaufen. Das Wetter gibt allen Anlass zu dieser Vermutung. Dunkle Wolken ziehen auf.

… to be continued


Täglich in Öl

16.04.2008

Soeben habe ich meine Blogliste um ein wunderbares Weblog erweitert: Edward B. Gordon malt seit fast eineinhalb Jahren täglich ein kleines Ölbild, veröffentlicht es in seinem Blog und wer ihm die erste Mail mit Kaufabsichtserklärung schickt, bekommt das kleine Kunstwerk für 150,– EURO.
Die Motive für seine Bilder holt sich Gordon in Berlin auf der Straße, in der U-Bahn, im Cafe, im Theater oder im Kino.

Gestern habe ich zwischen 21:00 Uhr und 21:30 Uhr regelrecht gelauert und alle zehn Sekunden den Refresh-Button meines Browsers gedrückt. Kaum war das neue Bild online, habe ich auch schon die lange vorbereitete Mail losgeschickt. Fünf Minuten später kam die Bestätigungsmail. Das Ölbild(chen) vom 15. April 2008 mit dem Titel Beside the Stage gehört mir !!

Beside the Stage

In vier bis sechs Wochen (so lange muss es trocknen) wird es mir zugeschickt.

Ich habe mich sehr gefreut, vor allem, weil es das letzte Bild aus der Serie über die Kinoprämiere Twilight von Marc Wilkins ist.

Insgesamt elf Bilder gibt es von dieser Serie.


Dass gibt wass

15.04.2008

Dass Mädchen, dass gerade die Strasse entlangging, beschleunigte sein Tempo, das es mir beinahe unmöglich war, ihm zu folgen. Es beeilte sich, dass Rotlicht der Ampel zu umgehen, so das es gerade noch vor dem Motorrad, dass gerade um die Ecke gebogen war, dass andere Ende der Straße erreichte.
Das es dabei seinen Geldbeutel verlor, merkte es nicht und auch nicht, das ich mich danach bückte und ihn aufhob, so das ich heraufinden konnte, wer dass Mädchen war.


Traumhaft schöne Arschgesänge

14.04.2008

Ab und zu muss ich sie einfach zitieren: Else Buschheuer – heute mit diesem Posting.

In der New Yorker Subway gestern wurde für Klopapier geworben … Die Werbesprüche hab’ ich mir notiert:
„Be kind to your behind.“
„We shine where the sun don’t.“
„Comfort what you’ve been covering all day!“

Traumhaft schöne Arschgesänge.


Verfremdlich 01 – Ich möchte ein Eisbär sein

12.04.2008

In loser Reihenfolge gibt’s hier ab sofort verfremdete (manchmal auch befremdliche) Bilder.
Heute: Ich möchte ein Eisbär sein.

Ich möchte ein Eisbär sein

Das Bild entstand am 9. April 2008. Das Eisbärenbaby Flocke wurde im Nürnberger Zoo zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt. Ein beflissene Mutter hat ihr Kind in ein Eisbärkostüm gesteckt und sofort die Nähe der Sat1 und RTL-Kameras gesucht (und gefunden).