Montag Morgen nach Gera. Schneegestöber bei Hof. Auf Anraten der Navigationstussi die Autobahn verlassen – schwerer Fehler. An zwei Steigungen hingen LKW und es war kaum ein Durchkommen. Also zu spät beim Kunden. Sechs Stunden Organisationsge- spräch. Dann schlappe 400 km nach Rostock. Schönes Hotel, drei Bier in der Hotelbar. Schlaf des Gerechten.
Am nächsten Morgen sechs Stunden Organisationgespräch beim Kunden. Rückfahrt via Bayreuth (500 km). Mutter im Krankenhaus besuchen – hatte sich am Wochenende das Bein gebrochen. Ihr ist furchtbar langweilig und sie will nach Hause. Kann ich verstehen, würde ich auch wollen. Nächster Besuch am Wochenende.
Mittwoch Morgen nach Coburg. Sechs Stunden Organisationsgespräch beim Kunden. Besuch der alten Wirkungssstätte (Fachhochschule). Heimfahrt.
Heute Inhouse-Termin. Sechs Stunden Organistionsgespräch.
Hechel, hechel …
Deutschlandreise
29.11.2007Perfekter Fernsehabend
21.11.2007Doch, es gibt ihn noch, den perfekten Fernsehabend – gestern zum Beispiel:
Later … with Jools Holland aus dem Jahre 2004 im ZDF theaterkanal unter anderem mit Ex-Talking-Heads-Chef David Byrne, den fabelhaften Scissor Sisters und der putzigen Norah Jones. Am meisten beeindruckt und gleichzeitig bewegt hat mich das Interview mit Howard Tate, einem wunderbaren Soulsänger, der nach mehreren Number-One-Hits Ende der Sechziger um seine Einkünfte betrogen wurde und so urplötzlich von der Bildfläche verschwand, dass viele glaubten, er sei tot. Lange Zeit im Drogensumpf versunken, schaffte er 2003 ein Comeback und spielte in der gestrigen Sendung einen seiner Hits mit Jools Holland am Klavier – klasse!!
Dann Neues aus der Anstalt im ZDF. Ganz starkes Kabarett, das meiner Ansicht nach den Scheibenwischer um Längen überholt hat.
Gut, über die Gäste Claus von Wagner und Andreas Müller kann man streiten, aber Django Asül, Urban Priol und Georg Schramm waren es alleine schon wert, die Sendung anzusehen.
Morgen wischen Jonas, Richling und Rogler wieder – ich bin mal gespannt!
Notwendige Fußballweltzurechtrückungen
20.11.2007Eigentlich ist Fußball nicht meine Welt, aber nach dem Sommermärchen 2006 und als bekennender Clubfan, hege ich doch eine gewisse Sympathie für diesen Sport.
Um kurz beim Club zu bleiben (für alle, die das vielleicht nicht wissen, es handelt sich dabei um den 1. FC Nürnberg): die Fußballwelt, die sich in der letzten Saison dem verwirrten Clubfan mit Pokalsieg und einem Tabellenplatz im ersten Drittel bot, hat sich in der aktuellen Saison ja gottlob von selbst zurechtgerückt. Der Club ist bereits jetzt aus dem Pokalwettbewerb ausgeschieden und befindet sich mehr oder weniger seit Anfang der laufenden Bundesligasaison auf einem Abstiegsplatz, mit wenig Aussicht, diesen in absehbarer Zeit wieder zu verlassen.
Der gemeine Clubfan darf sich also, wie er es von jeher gewohnt ist, endlich wieder Sorgen machen um seinen „Glubb“ und nach der Euphorie des letzten Jahres wird auch schon wieder ganz zaghaft die Trainerfrage gestellt. Wobei, so richtig gefährlich für den sympathischen Herrn Meyer wird es erst, wenn sich Michael A. Roth (Präsident und Teppichhändler) genötigt fühlt, sich demonstrativ vor bzw. hinter ihn zu stellen.
Fußballweltzurechtrückungen ganz anderer Art erwogen neulich zwei mir (wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise) nahestehende Personen, nämlich meine Frau und der Filmregisseur Wim Wenders.
In unserem Urlaub, den wir heuer in Südafrika verbrachten, wo zu dieser Zeit intensiv von den Rugby-Weltmeisterschaften berichtet wurde, war die Liebste, die ab und zu ein Rugby-Match im Fernsehen verfolgte, von folgendem Spielzug besonders fasziniert: wird ein hoch hereingeschlagener Ball gespielt, hebt ein Teil der Mannschaft einen auserwählten Spieler in die Luft und versetzt ihn damit in die Lage, über den Köpfen der gegnerischen Mannschaft, den Ball zu fangen.
Genau so, stellt sich meine Frau vor, sollten in Zukunft Standardsituationen im Fußball ablaufen, natürlich mit dem Unterschied, dass der Hochgehobene den Ball nicht fängt, sondern köpft. Fußballballett könnte damit endlich Wirklichkeit werden und wäre nicht wie in den 70er Jahren auf zuckende Zeitlupen Vor- und Zurückspulung angewiesen.
Something completely different hat sich Wim Wenders ausgedacht, als er sich neulich in einer von John Cleese moderierten Sendung über Fußball zu Wort meldete und deshalb, weil er nicht in der Lage ist, seiner Frau zu erklären, wie die Abseitsregel funktioniert, verlangt, dass diese kurzerhand abzuschaffen sei. Also die Regel, nicht die Frau! Außerdem, meinte Herr Wenders, würde dies dem Spiel nur gut tun.
Jetzt kann man natürlich mutmaßen, dass ohne Abseitsregel höchstwahrscheinlich die Mannschaft gewinnt, deren Torwart am besten in der Lage ist, die ständig in seinem Strafraum herumlungernden Stürmer der gegnerischen Mannschaft wort- und gestenreich abzulenken. Aber warum sollte man das nicht einmal eine Saison lang ausprobieren, immerhin hat man sich von Golden und Silver Goal nach erfolglosem Test auch wieder verabschiedet.
In dem Zusammenhang fallen mir ein paar Regeln ein, die meiner Ansicht nach dringend einer Überarbeitung bedürften.
So beispielsweise die 1984 eingeführte gelbe Karte für überschwänglichen Jubel. Mal abgesehen davon, dass ich es kindisch finde, einen Spieler zu bestrafen, der sich im Überschwang das Trikot vom Leibe reißt, mag ich mir bei konsequenter Anwendung dieser Regel das Gedränge auf den Auswechselbänken gar nicht vors geistige Auge führen.
Ja oder die sogenannten “Jenaer Regeln” von 1896, in denen unter anderem festgelegt wurde, dass in Deutschland die Spielfelder frei von Bäumen und Sträuchern sein müssen.
Also, ich könnte mir schon vorstellen, dass der eine Baum oder der andere Strauch dem Unterhaltungswert bestimmter Fußballspiele durchaus zuträglich wäre.
Die neueste Fußballweltzurechtrückung, wie man eine solche seit der legendären Was-erlauben-Strunz-Rede von Giovanni Trapattoni oder dem Was-für-ein-Scheiß-Interview mit Tante Käthe und Waldi Hartmann nicht mehr erlebt hat, gab es neulich auf der Hauptversammlung des FC Hollywood (für alle, die das vielleicht nicht wissen, es handelt dabei um den FC Bayern München).
Was hat er wieder gepoltert, der Herr Hoeneß, bloß weil ein Fan, der jetzt nicht mehr „Fan“, sondern „Gast“ oder „Kunde“ genannt wird, sich erfrecht hat, zu behaupten, die Stimmung und überhaupt alles sei wesentlich besser bei den Blauen (für alle, die das vielleicht nicht wissen, es handelt dabei um 1860 München).
Einen Strick allerdings würde ich dem Uli aus seiner Entgleisung nicht drehen. So etwas gehört bei derartigen Veranstaltungen einfach dazu, ebenso wie überschwänglicher Jubel zu einem ordentlichen Fußballspiel.
Übrigens, das Wort Fußballweltzurechtrückung wird von MS-Word nicht rot unterkringelt, wohl aber das Wort MS-Word!
Dieser Artikel erschien am 23. November 2007 auch bei
kolumnen.de
Rabimmel, Rabammel, Rabumm
16.11.2007Beim besten Willen. So geht das nicht!
Wenn wenigstens der Schmidt die einführende Stand-Up noch machen würde, oder sich abgewöhnen könnte, dem Pocher ständig ins Wort zu fallen. Ja oder wenn Pocher endlich damit aufhören würde, am Schreibtisch wie ein geprügelter Dackel zu seinem Herrchen aufzublicken.
Ja gut, Schmidt ist einen Kopf größer, aber mit entsprechenden Stühlen kann man doch so etwas ausgleichen.
Ja oder Zerlett. Der ist ja wirklich herzallerliebst. Aber entweder, die beiden Strategen binden ihn in die Sendung mit ein, oder sie lassen es. Aber so, wie es derzeit läuft, blitzt der Zerlett kurz auf, um dann sofort wieder zu verglühen, wie ein Teilchen, beim Eintritt in die Erdatmosphäre.
Dann Dr. med. Eckart von Hirschhausen. Warum gibt der sich für sowas her. Braucht er das Geld?
Seine Beiträge sind ja wirklich nicht schlecht, aber muss es denn sein, dass Proll Pocher nach des Doktors offiziellem Auftritt noch unbedingt die Analfissur einer Blondine aus dem Unterschichtenfernsehen durchsprechen muss? Für einen Arzt, der sich mit so etwas beschäftigt, ist jeden Tag After Work entgegnet schlagfertig der Herr Doktor – welch ein Wortwitz!
Als Höhepunkt dann noch der Gast. Was soll der Gast da am Ende der Sendung? Wenn der nicht gerade Bastian Pastewka heißt, kommt der doch sowieso nicht zu Wort. Die zähnefletschende Sabrina Setlur gestern, schien dem ganzen ebenso wenig gewachsen, wie Günni Jauch in der ersten Sendung vor drei Wochen.
Und dann noch dieser Dialog:
Schmidt (zu Pocher): Ich habe gehört, Du hast einem Hund das Geschlechtsteil geleckt?
Pocher: Nein, daran gerochen.
Schmidt: … und wie war das?
Die Antwort Pochers hab’ ich vergessen, ich hatte nur Augen für die Setlur: die hat sich gewunden, wie ein Aal.
So blieb das Beste der gestrigen Sendung der Anfang. Schmidt marschierte mit dem arg in die Kritik geratenen Nazometer als Laterne ins Studio und sang das altbekannte Lied:
Ich geh’ mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir.
Mein Licht ist aus, wir gehn nach Haus, Rabimmel, Rabammel, Rabumm.
Bleibt die Hoffnung und die Bitte an Herrn Schmidt, genau dieses zu tun.
Aber nehmen Sie um Himmels Willen den Pocher mit!
Tu’ es zu mir Honig …
14.11.2007Die User-Manual-Blues-CD macht Fortschritte. Jetzt gibt es schon sechs tieftraurige Bedienungsanleitungs-Lieder. Mal sehen, ob ich bis Weihnachten fertig werde.
Bei den Texten jedenfalls, habe ich mir alle Mühe gegeben, nicht so, wie er hier:
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Bei der Übertragung seiner Bluestexte ins Deutsche kam Unruhe im Publikum auf
Going Home – Teil 1
12.11.2007
„Was will der Scheißbulle?“
„Er sagt, die Straße ist gesperrt“.
„Was? Das ist doch Irrsinn! Fahr’ einfach weiter, hör’ nicht auf ihn“.
John lässt sich auf eine weitere Diskussion mit dem Polizisten ein. Harry schlägt wütend die Hände aufs Lenkrad und hupt.
Sofort unterbricht der Bulle seine Diskussion mit John, legt die rechte Hand auf das Halfter seines Dienstrevolvers und kommt wie der König der Cowboys auf den Wagen von Harry zu. Harrys Hupen hat eine ganze Huporgie ausgelöst. Vor ihm, der rostige VW-Bus von John mit seiner schwangeren Freundin Dagmar – einer Deutschen, genannt Daggy. Hinter ihm ein Oldsmobil, mit sechs Mann Besatzung und hinter dem noch weitere zwanzigtausend Autos, von denen jetzt wahrscheinlich zehntausend hupen.
Harry wirft den Kopf in den Nacken und malt sich aus, was der Cowboy wohl als erstes zu ihm sagen wird.
„Junger Mann…“ – kein schlechter Anfang – dann aber das Übliche und Unvermeidliche: Er, der Cowboy mit der Lizenz zum Straßensperren und Hippietöten, hätte vorhin den „Scheißbullen“ überhört. Er hätte auch überhört, dass er, Harry, seinen Kumpel mit der schwangeren Schlampe zu einer Ordnungswidrigkeit, um nicht zu sagen, zu einer Straftat aufgefordert hat, indem er ihnen riet, einfach weiter zu fahren. Dass er aber jetzt mit seiner Huperei diesen Haufen langhaariger Zeckenzüchter hinter ihm dazu aufstachele, ebenfalls zu hupen, das sei ein Aufruf zum Widerstand gegen die Staatsgewalt und stelle somit eines der schlimmsten Vergehen dar, dessen sich ein junger Amerikaner …
„Jetzt mach’ aber mal halblang“, unterbricht ihn Harry und merkt, wie ihm die Situation zu entgleiten droht.
„Du, mein Kleiner, wirst jetzt einmal halblang machen“, unterbricht ihn wiederum der Ordnungshüter und seine rechte Hand am Revolverhalter wird immer nervöser.
Harry soll aussteigen. Harry soll seine Papiere herzeigen. Harry soll gefälligst nicht so grinsen. Ob Harry Drogen genommen habe, was Harry beruflich mache, wo genau Harry gerade herkomme will der Polizist wissen und Harry ist klar, wenn er jetzt nicht ernsthaft und ordnungsgemäß antwortet, wird das Festival für ihn zu Ende sein, noch bevor es richtig begonnen hat.
„Nein, keine Drogen“ – das war allerdings eine Lüge.
„Ich studiere noch. Ich komme aus New York – genauer gesagt aus Long Island. Dürfen wir jetzt weiter fahren?“
„Nein, die Straße ist gesperrt“.
Der Polizist ist unerbittlich, wirft Harry noch einmal einen Blick zu, der besagt „überleg’ Dir, was Du in den nächsten Minuten sagst und tust“ und verschwindet zu seinen Polizistenkollegen, die ein paar Meter vor Johns VW-Bus armeverschränkt zusammenstehen und sich unterhalten.
„Was jetzt?“, fragt Harry in das Oldsmobil, in dem vier Weiße und zwei Schwarze sitzen. Die sechs sind ordentlich zugedröhnt. Harry kennt die Jungs nicht, aber sie machen einen coolen Eindruck. Einer von Ihnen sieht aus wie Jimi Hendrix persönlich. Der antwortet sofort mit quäkender Stimme:
„Zu Fuß, Mann. Was bleibt uns übrig“.
Alle stimmen zu, bleiben aber trotzdem im Wagen sitzen und starren mit seligem Marihuana Blick vor sich hin.
Harrys Kumpel Max und Stan waren schon vor einer Stunde aufgebrochen, die Lage zu checken und sind seither nicht wieder aufgetaucht. Wahrscheinlich liegen sie bereits irgendwo auf einer Wiese und lassen den x-ten Joint kreisen.
Scheißkerle, denkt Harry und sieht John fragend an, der ziemlich angefressen ist, weil ihm seine Freundin Daggy die Hölle heißt macht, wegen ihrer Schwangerschaft und weil nichts vorwärts geht und weil sie was rauchen möchte, was John ihr nicht erlaubt und überhaupt, weil sie doch hätten lieber zu Hause bleiben sollen.
„Was jetzt?“, fragt Harry diesmal John, „die Jungs hier meinen, wir sollten zu Fuß weiter. Max und Stan tauchen wohl nicht mehr auf. Wer weiß, wem die sich angeschlossen haben. Ich denke, wir müssen uns alleine durchschlagen“.
John nickt und geht zurück zu Daggy, die breitbeinig auf der Fußschwelle zwischen den Klapptüren des VW-Busses sitzt und ihren riesigen Bauch mit den Händen stützt. Sie sieht traurig aus und Harry wird schwer ums Herz, weil er eigentlich immer noch in sie verliebt ist und diese eine Nacht nicht vergessen kann. Weder Harry noch Daggy wissen, ob sie von ihm, oder von John schwanger ist und das blödeste ist, John weiß überhaupt nichts von dieser unsäglichen Bettgeschichte. Die Blicke von Harry und Daggy treffen sich. Er zieht entschuldigend die Schultern hoch und legt den Kopf zur Seite. Dann ist John wieder bei ihr und Harry wird aus seinen Gedanken gerissen, weil ihm das Jimi-Hendrix-Double seine Hand auf die Schulter schlägt und losposaunt:
„Steile Braut, Mann. Hast Du ihr den Braten in die Röhre geschoben?“
„Nicht witzig“, lässt Harry den Schwarzen stehen und geht zum VW-Bus.
Lost
09.11.2007Dies ist das letzte Foto von meiner Golftasche. Angeblich wurde sie sofort nach dem Inlandsflug George – Johannesburg am 30. September 2007 nach Gatwick/London weitergeleitet, um von dort zu mir nach Hause geschickt zu werden.
Doch bis heute habe ich sie nicht und es weiß auch keiner, wo sie genau steckt.

Ein Trost bleibt: neulich ist angeblich nach sechs Monaten ein verlorengegangener Koffer wieder aufgetaucht – in Dublin.
… to be continued
Wer holt eigentlich den Kolumnisten vom Bahnhof ab?
07.11.2007Aus aktuellem Anlass – will heißen, weil Wladimir Kaminer gestern eine so schöne Lesung im Rahmen der Literaturtage Lauf gehalten hat – hier ein Text, der schon etwas älter ist, aber gut zum Thema passt:
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Eine gute Freundin von mir arbeitet im Landratsamt einer kleinen fränkischen Gemeinde. Sie unterstützt manchmal die Arbeit Ihrer Kollegin, der Kulturbeauftragten jener Gemeinde, indem sie kleine Jobs übernimmt, wie beispielsweise das Chauffieren und/oder Bewirten auftretender Künstler. So geschehen an einem der letzten Wochenenden. Wladimir Kaminer, Kolumnist und Schriftsteller, war zu einer Lesung eingeladen und aus dem fernen Berlin mit dem Zug angereist. Er musste zum Veranstaltungsort gefahren, von dort wieder abgeholt und ins Hotel gebracht werden.
Herr Kaminer, den meine Freundin sehr verehrt, ist bestimmt äußerst mitteilsam und redselig, dachte sie so bei sich und versuchte sich in Konversation.
»Sie kommen direkt aus Berlin?«
»Ja« – so die Antwort des Redseligen.
»…und reisen danach weiter nach Köln« – bemühte sie sich, das Gespräch in Gang zu halten.
»Ja«, antwortete Wladimir.
Nein, sie konnte nicht wirklich zufrieden sein, mit dem Gesprächsverlauf. Ihr wurde etwas flau im Magen, während der Herr Kolumnist aus dem Fenster sah und das vorbeiziehende Frankenland auf sich wirken ließ.
»Warum halten sich Menschen eigentlich Ziegen?«, fragte er schließlich nach einer peinlich langen Pause, kurz nachdem sie eine Kleingartenkolonie passiert hatten. Ihr wurde noch flauer im Magen, hatte sie sich doch lediglich auf eine belanglose Plauderei eingestellt und nach dem fehlgeschlagenen Start damit abgefunden, dass es zu keinem weiteren Wortwechsel kommen würde. Jetzt aber waren kulturpsychologische Theorien über das Verhältnis der Generation »Handy« zu beinahe ausgestorbenen Nutztiergattungen im beginnenden einundzwanzigsten Jahrhundert gefordert (vielleicht noch unter besonderer Berücksichtigung einer fehlgeleiteten Schrebergärtnermentalität der großelterlichen Nachkriegsgeneration).
»Äääh, Milch. Vielleicht wegen der Milch. Ziegenmilch soll sehr gesund sein. Ja oder des Käses wegen…« bemühte sie pflichteifrig den Genitiv.
Ob diese Antwort Herrn Kaminer in irgendeiner Weise geboten erschien, war mangels Reaktion seinerseits nicht zu erkennen; sie musste sich mit dem Gedanken trösten, der Herr Kolumnist sammelt Stoff für seine nächste Kolumne und ihre Antwort wird (in welcher Form auch immer) in einer der nächsten Textveröffentlichungen verwurstet.
Beim Veranstaltungsort angekommen, trat eine Frau auf Wladimir und seine Begleiterin zu und fragte ohne erkennbares Schuldbewusstsein, ob die beiden nicht Karten »für den Kaminer« kaufen wollten, sie hätte da günstig zwei abzugeben. Meine Freundin riskierte aus den Augenwinkeln einen Blick auf ihren prominenten Gast und meinte gesehen zu haben, wie dieser ganz kurz in die Knie ging. Jedenfalls ließ ihn die Szene nicht ungerührt, denn sie bekam von ihm den Auftrag, sich bei der Frau nach den Gründen des Kartennotverkaufs zu erkundigen.
Ein treuloser Babysitter, so versicherte die Dame glaubhaft, verhinderte, dass sie und ihr Mann den Worten des Kolumnisten lauschen konnten.
Ich bin mir sicher, hätte meine Freundin nicht Herrn Kaminer betreuen müssen, sie hätte sich um das Baby der beiden gekümmert. Auch ersparte sie der Frau den Hinweis darauf, dass diese gerade dem Autor höchstpersönlich Eintrittskarten zu seiner eigenen Lesung angeboten hatte.
Die Veranstaltung war jedenfalls nicht ausverkauft, was der Herr Kolumnist damit zu begründeten versuchte, dass es sich ja wohl um eine eher kleine Gemeinde handelte. Ein einfaches »Ja, da haben Sie recht« hätte genügt, doch die in ihrer Ehre verletzte Kulturbeauftragte musste ihm unbedingt auseinandersetzen, dass es sich um eine der größten Gemeinden hier in der Gegend handelte. Wieder meinte meine Freundin bei dieser Antwort ein leichtes Nachgeben seiner Knie bemerkt zu haben.
Die Lesung selbst verlief dann eher unspektakulär, wenn man davon absieht, dass Herrn Kaminer die auf einem Obstteller angebotenen Pflaumen so sehr mundeten, dass er sie kurzerhand mit auf die Bühne nahm und während der Lesung verspeiste.
Immerhin – die Pflaumen stammten aus dem Garten meiner Freundin. Ob es daran lag, dass sie in dieser Nacht kaum Schlaf fand?
Dieser Artikel erschien am 3. Oktober 2006 auch bei
kolumnen.de
Hurz
06.11.2007Die Literaturtage in Lauf gehören zu einer der gelungensten Veranstaltungen im Nürnberger Land und warten seit Jahren mit namhaften Autoren auf. Außergewöhnlich ist, dass die Lesungen im Rahmen der Reihe LesArt in Lauf kostenlos sind, im Gegensatz zu Ansbach, Fürth und Schwabach, wo diese Veranstaltungsreihe ebenfalls stattfindet, aber eben Eintritt kostet.
Im schönen Lauf holt man sich einfach so, ohne zu bezahlen Eintrittskarten in der Stadtbibliothek und erlebt gediegene, literarische Abende in der Aula der Bertleinschule.
Zu den bekannten Autoren gehören in diesem Jahr Wladimir Kaminer und Amelie Fried. Gestern las Christoph Ransmayr aus seinem neuesten Buch Der fliegende Berg.
Der Mann ist ein begnadeter Geschichtenerzähler, wenngleich ich mir kein Buch von ihm kaufen würde. Seine Sprache ist mir insgesamt zu schwülstig, seine Themen zu sehr in der Nähe von Natur- und Gebirgsromantik und bereits die wenigen Kapitel, die Ransmayr ausgesucht hatte und vorlas, enthielten sowohl thematisch, als auch stilistisch zu viel Redundanz – wie mag sich da erst das gesamte Buch lesen.
Ja und dann war da noch Günther Voit, der mit einer Bassklarinette für die musikalische Untermalung an diesem Abend verantwortlich zeichnete. Sein Eröffnungsstück sorgte allerdings für reichlich unfreiwillige Komik. Abwechselnd hohe und tief gespielte Töne sollten wohl ein tonales Zwiegespräch andeuten, aber musikalisch erschließen wollte sich einem dieser Vortrag nicht wirklich, mir zumindest nicht.
Keine Frage, der junge Instrumentalist ist ein Virtuose und Könner und das Gespielte hätte durchaus als Hintergrundmusik getaugt, in einem nach Motiven von Ransmayr gedrehten Spielfilm. Aber gestern in der Bertleinaula ließ leises Kichern, das ganz verstohlen, aber durchaus hörbar hie und da im Auditorium zu vernehmen war, nur einen Schluss zu: die meisten Zuhörer dachten (wie ich) an HURZ.
Verfasst von axeage 
Verfasst von axeage
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